„Das war ein großer Pluspunkt für meine Karriere“

Erfahrungsbericht: Wie junge Wissenschaftler:innen von der ersten Förderphase der Exzellenzinitiative profitiert haben

Forschung / Lehre & Studium / Meer

Die Meereswissenschaftler:innen Charlotte Kleint (39) und Kevin Becker (40) erzählen im Interview, wie wichtig die Graduiertenschule GLOMAR (Global Change in the Marine Realm) für ihren persönlichen Werdegang war. GLOMAR war an der Universität Bremen im Zuge der Exzellenzinitiative ab 2006 entstanden. Die Graduiertenschule, die sich mittlerweile zur MARUM Research Academy weiterentwickelt hat, bot schon damals ein vielfältiges Kursangebot, finanzielle Unterstützung für die Teilnahme an Konferenzen und vor allem: Kontakt zu anderen Promovierenden.

Charlotte, du arbeitest heute als Senior Scientist am Exzellenzcluster „Der Ozeanboden“, genauer gesagt in der Arbeitsgruppe „Petrologie der Ozeankruste“. Wie sah dein Weg dorthin aus?

Charlotte Kleint: Die Geowissenschaften haben mich schon als Schülerin fasziniert. Richtig gecatcht hat mich dann die erste Begegnung mit Mangan-Knollen während meiner Bachelorarbeit in Hannover. Mangan-Knollen sind metallische „Klumpen“ in der Tiefsee. Sie enthalten vergleichsweise hohe Konzentrationen an Nickel, Kupfer und seltenen Erden, quasi ein riesiges Rohstofflager am Meeresboden. Da wollte ich mehr drüber wissen und habe dann in „Marine Geosciences“ an der Universität Bremen meinen Master gemacht und im Anschluss an der damaligen Jacobs University, jetzt Constructor University, promoviert. Meine Doktormutter war Professorin Andrea Koschinsky, die auch Teil des MARUMs - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften ist. So blieb ich mit der Uni Bremen und dem MARUM verbunden und landete letztlich auch bei GLOMAR.

Charlotte Kleint sitzt vor einer Person und gestikuliert etwas.
Charlotte Kleint: „Netzwerken ist mit das Wichtigste in einer wissenschaftlichen Karriere.“
© Leona Hofmann / Universität Bremen

Wie lief das bei GLOMAR genau ab? Hast du einfach gesagt: „Ich will in den Meereswissenschaften promovieren, nehmt mich bitte auf“?

Charlotte Kleint (lacht): Nee, etwas formeller war es schon. Wir mussten ein Motivationsschreiben verfassen: Was mache ich in meiner Doktorarbeit? Warum will ich zu GLOMAR? Was erhoffe ich mir davon? Einfach, damit man da reflektiert heran geht. Aber letztlich wurden einem keine Steine in den Weg gelegt. Es war natürlich gewünscht, dass die Doktorand:innen zu GLOMAR gehören und sich dort vernetzen.

Kevin, du bist heute als Forscher in der AG Kohlenstoffspeicherung und Glycobiochemie des MARUM und Fachbereich 2 Biologie/Chemie tätig. Was untersucht du genau?

Kevin Becker: Mein Schwerpunkt liegt auf dem marinen Kohlenstoffkreislauf. Diesen genau zu verstehen ist sehr wichtig, da er relevant für das Klima ist. Zum Beispiel nutzen Algen Sonnenlicht und Wasser, um CO2 durch Photosynthese aufzunehmen. Wenn Algen absterben, wird der Kohlenstoff durch mikrobielle Zersetzung wieder freigesetzt, aber nicht gänzlich. Ein kleiner Teil rieselt zum Meeresboden und wird so langfristig der Atmosphäre entzogen. Wir möchten herausfinden, unter welchen Voraussetzung das passiert.

Begleitet dich der Kohlenstoffkreislauf schon länger? Hast du dazu auch promoviert?

Kevin Becker: Als ich 2006 mein Studium der Geowissenschaften begann, hatte ich noch gar keine Vorstellung, wohin die Reise mal geht. Das hat sich dann im Laufe des Studiums herauskristallisiert. In meiner Promotion am MARUM war ich in der organischen Geochemie unterwegs und habe Biomarker in Sedimenten gesucht, die mir verraten, ob und welche Form von Leben es dort gibt und übergeordnet auch welche Rolle sie im Kohlenstoffkreislauf spielen. Meine jetzigen Forschungsinteressen haben sich dann durch einen knapp vierjährigen Aufenthalt an einem ozeanographischen Forschungsinstitut in den USA und weiteren sechs Jahren am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel weiter verfestigt. In Kiel fokussierte sich meine Forschung auf die Rolle von Algen und anderen Mikroorganismen im marinen Kohlenstoffkreislauf.

Du warst ungefähr zur selben Zeit bei GLOMAR wie Charlotte, ab 2012, richtig? Seid ihr euch damals schon begegnet?

Kevin Becker: Ja, das ist sehr wahrscheinlich – auch wenn ich mich an keine spezielle Situation mehr erinnere. Bei GLOMAR hat man so viele Gleichgesinnte getroffen, das war ja einer der großen Benefits der Graduiertenschule: Dass du dich mit Menschen in der gleichen Situation austauschen konntest, ganz egal, aus welchem Themengebiet der Meereswissenschaften sie genau kamen. Die Graduiertenschule hat nahezu alle Doktorand:innen zusammengebracht, die in Bremen und Umgebung irgendwie in dem Bereich unterwegs waren. Das macht das Bremer Umfeld ja so stark, dass es hier so viele Top-Institute auf kleinem Raum gibt: Das MARUM, das Leibniz Zentrum für Marine Tropenforschung, das Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie und die Constructor University, vormals Jacobs University. Da hatte man eigentlich immer sofort ein Thema, das einen verbunden hat.

Kevin Becker sitzt Beine überkreuzt auf einem Stuhl und gestikuliert etwas.
Kevin Becker: „Die Zeit der Exzellenzuni hat die Spitzenforschung in den Meereswissenschaften weiter befeuert.“
© Leona Hofmann / Universität Bremen

Wie kann ich mir das konkret vorstellen? Hat man sich da einfach getroffen oder gab es ein festes Programm?

Kevin Becker: Beides. Im Mittelpunkt stand das umfangreiche Veranstaltungsangebot. Wir konnten jede Menge Kurse belegen, beispielsweise diverse Anfängerkurse, die grundlegend in Themen wie den marinen Kohlenstoffkreislauf eingeführt haben. Dann gab es natürlich Expert:innenkurse, in denen wir tiefer in die Materie gegangen sind und intensive Fachdiskussionen führen konnten. Besonders wichtig waren für mich als junger Doktorand die sogenannten Soft-Skill-Kurse. Dort habe ich beispielsweise gelernt, wie ich ein wissenschaftliches Paper verfasse. Das hatte ich natürlich schon über die Masterarbeit gemacht, aber es ist doch was anderes, wirklich für eine Fachzeitschrift zu schreiben. Wie baut man das Ganze auf? Wie strukturiert man die Sätze? Was ist der Fachjargon? Dieser Schreibkurs hat mir sehr viel gebracht für später.

Charlotte Kleint: Mir ist noch etwas anderes in Erinnerung geblieben: Bei GLOMAR gab es auch finanzielle Unterstützung zur Teilnahme an Konferenzen und Auslandsaufenthalten. Das war ein großer Pluspunkt für mich, ich war bei internationalen Konferenzen in den USA und hatte einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in Neuseeland. Ich finde, Netzwerken ist mit das Wichtigste in einer wissenschaftlichen Karriere. Du kannst noch so gut sein – wenn dich niemand kennt, kommst du nicht weiter. GLOMAR hat damals einen Großteil der Kosten übernommen, das war richtig gut. Natürlich war das kein Selbstläufer, wir mussten einen Antrag schreiben mit ausführlicher Begründung, warum wir zu der Konferenz wollen und was wir dort präsentieren werden. Und später dann einen Bericht, wie es gelaufen ist. Also kein Freifahrtsschein für alles, aber eine super Hilfe, um in der Wissenschaft voran zu kommen.

Das klingt, als wäre GLOMAR ein Karriere-Beschleuniger gewesen.

Charlotte Kleint: Vermutlich schon, wobei wir ja ehrlich gesagt nicht wissen, wie unser Weg ohne GLOMAR verlaufen wäre. Für mich persönlich war es die Möglichkeit, ans MARUM zu kommen, was ja schon damals eine der führenden marinen Forschungseinrichtungen war. Und seitdem hat sich ja noch einiges getan. Die Möglichkeiten, die uns GLOMAR geboten hat, sind stetig ausgebaut worden. Die heutigen Doktorand:innen haben an der MARUM Research Academy nochmal wieder ganz andere Optionen. Da gibt es jetzt beispielsweise auch Kurse zum Thema Mental Health, weil man gemerkt hat, dass das immer wichtiger wird. Die Forschenden werden sich dessen immer mehr bewusst, dass der Stress manchmal enorm ist, und man ihn auch einfach mal irgendwo abladen muss.

Kevin Becker: In meiner aktuellen Position bin ich auch an Einstellungen von neuen Promovierenden beteiligt. Was auffällt: Fast alle Bewerber:innen fragen, ob es hier eine Graduiertenschule gibt und wie umfangreich das Programm ist, also auch jenseits der rein wissenschaftlichen Themen. Was zu unserer Zeit noch eher Pioniercharakter hatte, ist heutzutage Standard. Einfach, weil es sich bewährt hat. Übrigens nicht nur für Promovierende. Das heutige Angebot der MARUM Research Academy spricht auch Postdocs und junge Forschende bis hin zu Nachwuchsgruppenleiter:innen an.

Aktuell bewirbt sich die Universität Bremen im Verbund mit der Universität Oldenburg ja wieder um den Titel Exzellenzuniversität. Was könnte eurer Meinung nach daraus entstehen für Forschende?

Kevin Becker: Die Zeit als Exzellenzuni von 2012 bis 2019 hat die Spitzenforschung in den Meereswissenschaften auf jeden Fall weiter befeuert. Der Standort Bremen wurde sichtbarer und attraktiver für Top-Wissenschaftler:innen auch aus dem Ausland. Der heutige Exzellenzcluster „Ozeanboden“ ist so groß, da wirken so viele Disziplinen mit. Das heißt, die Forschung wird mehr und besser. Davon profitieren letztlich alle, die mit den Meereswissenschaften in Bremen zu tun haben.

Weitere Informationen:

Webseite MARUM Research Academy

Webseite AG „Petrologie der Ozeankruste“

Webseite AG „Kohlenstoffspeicherung und Glykobiochemie“

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