Forschungsfreiheit neu entdeckt

Warum zwei Postdocs US-amerikanischer Elite-Unis ihre Karrieren in Bremen fortsetzen

Forschung / Uni & Gesellschaft

Die eine erforscht, wie neue Parteien politische Systeme aufmischen. Die andere erprobt, wie junge Menschen sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen können, ohne dabei in Ohnmachtsgefühlen zu versinken: Dr. Alex Mierke-Zatwarnicki und Dr. Emily Olsen haben in den USA vielversprechende akademische Karrieren gestartet. Doch unter der Trump-Administration schwanden dort ihre Perspektiven. Ein Stipendienprogramm der Universität Bremen gibt ihnen nun die Möglichkeit, ihre wichtige Forschungsarbeit fortzusetzen.

Wenn Alex Mierke-Zatwarnicki an ihre letzten Monate in den USA zurückdenkt, dann erinnert sie sich vor allem an ein Gefühl wachsender Unsicherheit. Als kanadische Staatsbürgerin mit Aufenthaltserlaubnis in den USA beobachtete sie mit zunehmender Sorge, wie Visa-Regeln verschoben, Social-Media-Profile ausländischer Staatsangehöriger auf unliebsame Inhalte kontrolliert und sogar der Aufenthaltsstatus von Green-Card-Inhaber:innen infrage gestellt wurde. „Als Nicht-US-Bürgerin hatte ich zunehmend das Gefühl, mit meiner Meinung hinterm Berg halten zu müssen, um meinen Aufenthaltsstatus nicht zu gefährden“, sagt die 33-Jährige, die in Harvard promoviert hat. „Die Maßnahmen fühlten sich an wie ein breit angelegter Angriff auf die Zivilgesellschaft, auf Universitäten und auf Forschung. Dass dabei bestehende Richtlinien und Normen nicht respektiert wurden, machte die Lage für mich noch chaotischer und beunruhigender.“ Umso dankbarer ist die Politologin, im Team um Professorin Sophia Hunger am SOCIUM der Uni Bremen ein neues, attraktives Forschungsumfeld gefunden zu haben: „Bremen hat mir eine gute akademische Gemeinschaft gegeben, eine Atempause von den unmittelbaren Bedrohungen in den USA und die Möglichkeit, mich an einem Ort sicher zu fühlen. Das hat mich mental und in Bezug auf meine Produktivität enorm gestärkt.

„Bremen hat mir eine gute akademische Gemeinschaft gegeben, eine Atempause von den unmittelbaren Bedrohungen in den USA” Alex Mierke-Zatwarnicki

Stiftung der Uni Bremen unterstützt Postdocs aus den USA

Das „Ad hoc Transatlantic Fellowship Program“ wird aus Mitteln der Stiftung der Universität Bremen finanziert. Es unterstützt Postdocs, die von Projektstreichungen und Mittelkürzungen seitens der US-Administration betroffen sind. Das, was Alex Mierke-Zatwarnicki in den USA erlebt hat, ist auch Teil ihrer Forschung. In der geht es um Umwälzungen in der Politik, um Gruppenidentitäten und das Erzeugen von Wir-Gefühlen. Ausgangspunkt ihrer Recherchen sind dabei sogenannte Challenger Parties – Herausforderer-Parteien, die etablierte politische Strukturen infrage stellen. „Antisystemische Politik ist nicht neu“, sagt sie. „Wenn man in die Geschichte schaut, hat fast jede Herausforderer-Partei irgendeine Form virulenter Kritik an dem System gehabt, in dem sie konkurriert.“ Unterschiedlich seien jedoch die Strategien, mit denen sie Menschen an sich binden: Für frühe sozialistische Parteien sei etwa der Kampf für die Arbeiterklasse identitätsstiftend gewesen, was ein intensives Zusammengehörigkeitsgefühl unter ihren Anhängern entstehen ließ. Eine andere Strategie hingegen sei es, ein Wir-Gefühl zu erzeugen, das im Kern auf Ausgrenzung basiere. Etwa, wenn Parteien sich nach eigener Aussage an die „normalen Leute“ richten und in ihrem Gesellschaftsbild zugleich bestimmen wollen, wer dazugehört und wer nicht. Dies lasse sich bei vielen neueren rechten Parteien, wie in Deutschland etwa der AfD, beobachten. Mit einer ähnlichen Strategie sei auch Donald Trump erfolgreich gewesen. Trotz seines Vermögens und seiner Zugehörigkeit zu einer etablierten Partei habe er es geschafft, sich als Gegenentwurf zum Establishment zu inszenieren.

Derzeit liege in Europa ein starker Fokus darauf, wie Mainstream-Parteien sich koordinieren können, um rechtsextreme Parteien zu stoppen, sagt Alex Mierke-Zatwarnicki. „Darauf wird viel mehr Wert gelegt als darauf, wie wir die sozialen Probleme beheben können, die Menschen so wütend machen, dass sie diese Parteien unterstützen wollen. Deshalb wäre aus meiner Sicht die Bekämpfung der Krise der Lebenshaltungskosten die wichtigste Empfehlung an die deutschen Parteien, um den Aufstieg der AfD zu verhindern.“

„Ich habe das Gefühl, dass es so kommen sollte“

Die Biologin und Bildungsforscherin Emily Olsen beschäftigt sich ebenfalls mit einem Thema, das in den vergangenen Jahren an Relevanz gewonnen hat – dem Klimawandel. Doch Forschung zu diesem Themenfeld ist in den USA von erheblichen Mittelkürzungen betroffen. So habe sie zwischenzeitlich schon geglaubt, ihre akademische Laufbahn beenden zu müssen, erinnert sich die 33-Jährige, die an der Pennsylvania State University promoviert hat. Auch sie empfindet das Bremer Fellowship als großen Glücksfall: „Schon während meines Studiums war es mein Traum, als Forscherin einmal international zu arbeiten. Ich mag Bremen und die Universität sehr und habe einfach das Gefühl, dass es so kommen sollte“, sagt sie. Von Anfang an habe sie sich willkommen gefühlt und durch das Welcome Center der Universität wertvolle Starthilfen erhalten.

„Mein Ziel ist es, Jugendliche hier in Bremen zu unterstützen und mit ihnen Wege zu finden, wie sie die Informationen zum Klimawandel emotional verarbeiten können, sodass sie handlungsfähig bleiben und nicht zu sehr überwältigt werden“, sagt Emily Olsen. Eine weitere Zielgruppe sind Menschen, die sich beruflich mit Klimawandel und Umweltproblemen auseinandersetzen. Auch sie hätten oft sehr belastende Gefühle in sich – eben weil sie genau um die Zerbrechlichkeit der natürlichen Lebensgrundlagen wissen. Schon der gemeinsame Austausch über diese Gefühle könne oft hilfreich und befreiend sein. Am „Institut für Technik und Bildung“ der Uni Bremen gehört Emily Olsen zur Forschungsgruppe von Professorin Alisha Heinemann sowie zur interdisziplinären Forschungsplattform „Worlds of Contradiction“ und erprobt verschiedene pädagogische Methoden: „Ein Beispiel ist Nature Journaling. Es bedeutet, hinauszugehen, ein Blatt Papier mitzunehmen und dann etwa einen Vogel oder einen Baum zu sehen und ihn zu zeichnen oder darüber zu schreiben, einfach still zu beobachten und die eigenen Fragen dazu aufzuschreiben. Es ist ein bisschen wie Meditation, aber mit einer eigenen Struktur.“ Auch Waldbaden könne dabei helfen, sich zu entspannen und Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen: „Es gibt viele Studien, die zeigen, dass die Verbindung zur Natur der körperlichen und psychischen Gesundheit hilft und die Resilienz stärkt – sowohl auf individueller Ebene als auch als Gruppe.“

„Die Stadt hat viele schöne Naturflächen, die auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sind.“ Emily Olsen

Bremen biete dafür gute Voraussetzungen: „Die Stadt hat viele schöne Naturflächen, die auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sind.“ Ihre Leidenschaft für solche Naturerlebnisse entdeckte sie während ihres Biologiestudiums, als sie einen Kurs namens Outdoor Education absolvierte: „Ich fand es großartig, einfach draußen mit Kindergartenkindern zu sein und das Staunen in ihren Gesichtern zu sehen, wenn sie einen Vogel entdecken oder wenn man eine Nacktschnecke auf dem Weg findet.“ Emotionale Zugänge zur Natur seien jedoch auch für Erwachsene wichtig: „Traditionelle westliche Wissenschaften und naturwissenschaftliche Bildung waren ja bisher vor allem auf Wissensvermittlung ausgerichtet“, sagt sie. Gefühle hätten dabei eine eher beiläufige Rolle gespielt. „Frei nach dem Motto: Wenn man den Namen eines Baums kennt, wird man ihn schon lieben. Für manche stimmt das, aber nicht für alle. Emotionen sind nun mal die Grundlage unseres Verhaltens und unseres Menschseins. Warum sollte man sie also nicht auch in Lernkontexte einbeziehen?“

Nach ihrem Fellowship weiter in Deutschland zu forschen – das können sich sowohl Alex Mierke-Zatwarnicki als auch Emily Olsen gut vorstellen. Selbst wenn dann wieder ein anderer Wind durchs Weiße Haus wehen sollte.

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