© Harald Rehling / Universität Bremen
Wenn Big Data in die Irre führt
Als U Bremen Excellence Chair Inhaber hat Mario Small erforscht, wie große Datenmengen trügen können
Noch nie war es so leicht, große Mengen an Daten zu sammeln und auszuwerten wie im Big-Data-Zeitalter. Gerade anonymisierte Daten von Unternehmen sind eine willkommene Quelle für die Forschung. Doch wenn die quantitative Analyse solcher Firmendaten nicht mit qualitativen Forschungsmethoden kombiniert wird, kann dies zu gravierenden Fehlinterpretationen führen, warnt Professor Mario Small. Solche Rückschlüsse können zum Beispiel über soziale Ungleichheiten hinwegtäuschen.
Selbst Datensätze, die in der Forschung weit verbreitet sind, weisen laut Small erhebliche Probleme auf. Diese würden von vielen Sozialwissenschaftlern ignoriert, obwohl sie Forschungsergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit verändern können. „Das Ausmaß dieser Probleme hat mich überrascht“, sagt er. Als Inhaber eines U Bremen Excellence Chairs hat Small sechs Jahre lang über den Zusammenhang zwischen den realen sozialen Netzwerken von Menschen und sozialer Ungleichheit geforscht.
Die Excellence-Chair-Inhaber fungieren als Brückenköpfe zwischen der Universität Bremen und führenden Wissenschaftseinrichtungen weltweit. So hat Small bis 2021 in Harvard geforscht und gelehrt und ist seit 2022 Professor an der Columbia University in New York. Sein Projekt in Zusammenarbeit mit dem SOCIUM, dem Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Uni Bremen, hatte zugleich das Ziel, herauszufinden, wie die Nutzung von Big Data in der Sozialforschung verlässlicher wird. Dabei führten Small und sein Team empirische Fallstudien zu rassifizierten Unterschieden im Zugang zu und Gebrauch von Finanzinstitutionen in verschiedenen Stadtvierteln der USA durch.
Veraltete Daten, falsche Kategorien
Vor Ort stießen sie auf Gegebenheiten, die von den Unternehmensdaten erheblich abwichen. Small nennt Beispiele: „Manchmal sind große Datensätze schlecht aktualisiert. So kann ein Datensatz, der angeblich die Standorte aller Banken in jedem Stadtviertel der USA enthält, fälschlicherweise angeben, dass Banken, die längst geschlossen wurden, noch geöffnet sind.“ In anderen Fällen seien Einrichtungen falsch kategorisiert worden, etwa wenn ein Payday Lender, ein Anbieter kurzfristiger Kredite mit hohen Gebühren, als eine andere Art von Institution eingeordnet wurde. „Solche kleinen Fehler können, wenn sie systematisch auftreten – zum Beispiel häufiger in ärmeren Stadtvierteln – zu falschen Schlussfolgerungen führen.“ Indem sie dies aufdeckten, konnten Small und sein Team nachweisen, dass der Zugang zu Finanzdienstleistungen in ärmeren Stadtteilen schlechter war, als es in den Unternehmensdaten den Anschein hatte.
Forschende sollten eine kritischere Haltung gegenüber Daten einnehmen, die außerhalb des Wissenschaftsbetriebs entstanden sind, rät Small: „Die wichtigste Botschaft lautet: Wenn wir ‚Big Data‘ von einem privaten Unternehmen verwenden, tun wir nicht dasselbe wie bei experimentellen Daten oder Umfragedaten, die wir selbst für wissenschaftliche Zwecke erhoben haben“, so Small. Denn während Firmen mit ihren Daten meist den eigenen Unternehmenserfolg messen oder Kundeninteressen besser verstehen wollen, geht es in den Sozialwissenschaften in aller Regel um größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Mitunter hilft auch ein differenzierter Blick auf Begrifflichkeiten, die je nach Kontext eine unterschiedliche Bedeutung haben können. So sei es fragwürdig, eine Theorie über Freundschaft anhand von großskaligen Facebook-Daten zu „Freunden“ zu testen. Denn was Facebook als ‚Freund‘ bezeichnet, entspreche nicht dem, was die meisten Netzwerkforschenden unter ‚Freund‘ verstehen. „Dennoch sind viele versucht, dieses Problem zu ignorieren, wenn ihnen ein enormer Datensatz zur Verfügung steht.“
„Uns sollte es nicht egal sein“
Small plädiert nachdrücklich dafür, sich diesen Unterschied bewusst zu machen: „Dem Unternehmen ist es egal, ob die Daten für die Wissenschaft geeignet sind – uns sollte es nicht egal sein.“ Diese Sorgfalt bedeute oft, die Daten nicht nur quantitativ zu analysieren, sondern sie auch mit qualitativer Forschung zu überprüfen und einzuordnen. Gleiches gelte auch für Daten von staatlichen Stellen oder Nichtregierungsorganisationen.
Der renommierte Soziologe ist seit 2020, Inhaber eines U Bremen Excellence Chairs. Die Ergebnisse aus seinem großen Forschungsprojekt werden ihn wohl noch lange beschäftigen: „Der persönliche Einfluss auf meine Arbeit als Forscher war außergewöhnlich“, sagt er. „Die Verbindung hat mein berufliches Netzwerk in Europa erheblich erweitert. Ich hatte schon lange ein Interesse an sozialwissenschaftlichen Methoden sowie an den Verbindungen zwischen großskaligen und qualitativen Daten. Inzwischen haben wir jedoch einen bedeutenden Sammelband, der demnächst bei Oxford University Press erscheint und zu dem viele der etabliertesten sowie aufstrebenden wichtigen Forschenden in diesem Feld beigetragen haben.“ Durch die neuen Verbindungen, die Konferenzen, die Zusammenarbeit mit Postdocs und Promovierenden sowie die Arbeit an mehreren veröffentlichten Artikeln habe er seine Arbeit zu diesen Themen deutlich vertiefen können.
Ideales Forschungsumfeld am SOCIUM
Dazu trug auch der Methodenpluralismus im SOCIUM der Uni Bremen bei – eine Besonderheit des sozialwissenschaftlichen Instituts, die es von vielen anderen Instituten unterscheidet, wie Betina Hollstein betont. Die Soziologie-Professorin ist Ko-Leiterin der Methodenabteilung des SOCIUM und war auch Gastgeberin von Mario Small. Am SOCIUM werden qualitative Forschungsmethoden, wie etwa Interviews, mit quantitativen Erhebungen wie großen repräsentativen Umfragen und computergestützten Analysen externer Big-Data-Quellen kombiniert. Ein ideales Forschungsumfeld für Smalls Thema also. Während dieser sein Netzwerk in Europa erweiterte, bekam das SOCIUM eine Menge zusätzliche Sichtbarkeit, etwa bei einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, auf dem das von Small vorgestellte „Bremen Project“ in einer Keynote viel Aufmerksamkeit erhielt. „Als absolut angenehm, hochprofessionell und beeindruckend effektiv“, beschreibt Hollstein die Zusammenarbeit mit Small.
Die Kooperation mit ihm habe außerdem dabei geholfen, eine neue Initiative für einen Sonderforschungsbereich (SFB) anzuschieben. „Inspiriert vom American-Voices-Projekt, das von Kolleg:innen in Stanford und Princeton durchgeführt wird, wollen wir die erste repräsentative Studie mit qualitativen Tiefeninterviews in Deutschland durchführen“, sagt Hollstein. „Im Kern geht es darum, die tiefen Wurzeln und Mechanismen des aktuellen sozialen Wandels und des sozialen Zusammenhalts zu verstehen.“ Es wäre das vierte Mal in Folge, dass der Wissenschaftsschwerpunkt „Sozialer Wandel, Sozialpolitik und Staat“ an der Uni Bremen Mittel für einen Sonderforschungsbereich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt bekommt. Bei einem Kick-off-Workshop mit führenden Wissenschaftler:innen erlebte Hollstein eine große Aufbruchstimmung und enormen Enthusiasmus für die Möglichkeiten, die mit diesem Projekt verbunden sind. „Diese einzigartigen Daten können die Sozialwissenschaften revolutionieren und gänzlich neue Analysemöglichkeiten eröffnen.“