Zum Tag der Erde: „Wir müssen Alternativen entwickeln“

Konrektor Michal Kucera über die Herausforderung, gesellschaftliche Veränderungen gemeinsam zu gestalten

Forschung / Uni & Gesellschaft / Nachhaltigkeit

Welche Verantwortung tragen Universitäten angesichts globaler Herausforderungen wie Klimawandel und Ressourcenknappheit? Und wie kann Zusammenarbeit neue Lösungen ermöglichen? Im Interview erklärt Michal Kucera, Konrektor für Forschung und Transfer, warum wissenschaftliche Expertise allein nicht ausreicht, weshalb interdisziplinäre Kooperation entscheidend ist und wie die Northwest Alliance dazu beitragen kann, Wissen wirksam in die Gesellschaft zu tragen.

Am 22. April ist wieder Tag der Erde. In Ihren Worten: Welche Rolle können Universitäten dabei spielen, konkrete Lösungen für globale Herausforderungen zu finden?

Universitäten sind dazu da, jungen Menschen Kompetenzen zu vermitteln. Mit diesen Kompetenzen sind sie später in der Lage, den Herausforderungen zu begegnen. Gleichzeitig betreiben Universitäten Forschung und schaffen damit eine Wissensgrundlage: Welche Optionen gibt es, welche Lösungswege sind möglich und welche nicht?

Universitäten können den aktuellen Sachstand vertieft beleuchten. Sie sind jedoch nicht dafür da, selbst Lösungen umzusetzen. Dafür bräuchte es ein politisches Mandat.

Das diesjährige Motto lautet: „Mach mit, geh voran, lebe bewusst nachhaltig – gemeinsam für eine lebenswerte Zukunft.“ Was sagt dieses Motto über die Herausforderungen unserer Zeit aus?

Dieses Motto zeigt sehr deutlich, dass die Zukunft unseres Planeten kein rein naturwissenschaftliches Thema ist. Sie betrifft alle Disziplinen.

Es geht nicht nur darum, technische oder naturwissenschaftliche Lösungen zu entwickeln, sondern auch darum, Menschen zusammenzubringen und Veränderungen im täglichen Handeln zu ermöglichen. Das ist ein wichtiges, aber auch unbequemes Thema. Genau deshalb gehört es an die Universität. Und es ist ein Thema von globaler Bedeutung.

Die Universitäten Bremen und Oldenburg haben sich zur Northwest Alliance zusammengeschlossen. Warum ist diese Zusammenarbeit gerade jetzt besonders wichtig, und was kann sie leisten, was einzelne Universitäten nicht können?

Gerade weil es ein so umfassendes Thema ist, gilt: Je mehr wir gemeinsam daran arbeiten, desto größer ist die Wirkung. In einem Netzwerk können unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt und die daraus entstehenden Botschaften deutlich stärker entwickelt werden.

Vor allem gewinnen wir an fachlicher Breite. Wir brauchen Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften sowie Geistes- und Sozialwissenschaften gemeinsam. Aus zwei Universitäten heraus können wir hier deutlich mehr anbieten.

Das zeigt sich zum Beispiel in unserem gemeinsamen Exzellenzcluster „Ozeanboden“: Die Expertise zum geologischen System kommt aus Bremen, die zum biologischen Teil und zur Biodiversität aus Oldenburg. Gemeinsam ergibt sich ein umfassendes Bild.

Je mehr wir gemeinsam daran arbeiten, desto größer ist die Wirkung. Prof. Dr. Michal Kucera

Welchen Beitrag können Universitäten für die Gesellschaft leisten, etwa bei Klimawandel und Nachhaltigkeit?

Viele der möglichen Wege, die Folgen des Klimawandels zu mindern, betreffen den Alltag der Menschen. Ein Beispiel ist der Umgang mit Energie.

Hier geht es einerseits um technische Lösungen, andererseits aber auch um Transformationspfade. Selbst wenn neue Energiequellen zur Verfügung stehen, braucht es Wege, wie man von den bestehenden Systemen dorthin gelangt. Am Ende geht es um sehr konkrete Fragen, etwa wie wir künftig heizen. Und wir sehen, dass solche Debatten schnell emotional werden können.

Gerade hier können Universitäten mit ihrer sachlichen Expertise und ihrem Anspruch auf Neutralität eine wichtige Rolle spielen. Sie können Diskussionen begleiten, Wissen einbringen und den Austausch mit einer breiten Öffentlichkeit fördern. Es reicht nicht aus, nur Probleme zu benennen. Entscheidend ist, mögliche Lösungen zu Erarbeiten und in diesem Prozess Menschen mitzunehmen.

Der Tag der Erde am 22. April erinnert in diesem Zusammenhang daran, wie dringend diese Fragen sind. Zugleich zeigt uns der Erdüberlastungstag, jedes Jahr aufs Neue, wie schnell wir die verfügbaren Ressourcen unseres Planeten verbrauchen. Dieser Zeitpunkt rückt immer weiter nach vorn. Mit diesem Tempo kann unsere Gesellschaft nicht dauerhaft bestehen. Wir leben auf Kosten anderer und auf Kosten zukünftiger Generationen. Deshalb müssen wir zwingend Alternativen entwickeln.

Wie schafft die Northwest Alliance die Voraussetzungen dafür, dass solche Lösungen entstehen können?

Die Allianz steht noch am Anfang, vor allem was die Finanzierung betrifft. Sollte sie im Rahmen der Exzellenzstrategie erfolgreich sein, wollen wir gezielt in transdisziplinäre Strukturen investieren. Das bedeutet mehr Möglichkeiten für Projekte, die Wissenschaft und Gesellschaft zusammenbringen, mehr Räume für Austausch sowie mehr Angebote zur Kompetenzentwicklung für unsere Forschenden. In einem größeren Verbund lassen sich solche Strukturen effizienter aufbauen. Es gibt klare Skalierungseffekte.

Welche Rolle spielen dabei außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und regionale Partner?

Eine sehr wichtige. In Bremen gibt es bereits sehr gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit, etwa im Bereich der Forschungsdaten. Diese Stärke wollen wir in die Allianz einbringen und weiterentwickeln. Neben den bestehenden Partnern sollen auch weitere Einrichtungen eingebunden werden, um gemeinsam transdisziplinäre Projekte umzusetzen.

Mal angenommen, die Universitäten Bremen und Oldenburg werden in den nächsten sieben Jahren als Verbund in der Exzellenzstrategie gefördert – wo stehen wir dann in sieben Jahren?

Ich sehe ein großes Potenzial im Bereich des Systemverständnisses, etwa beim Zusammenspiel von Ozean und marinem Leben im Kontext der CO2 Aufnahme.

Gleichzeitig erwarte ich Fortschritte bei konkreten Lösungsansätzen, etwa im Umgang mit knappen Ressourcen, wie sie im Cluster „Martian Mindset“ entwickelt werden. Und schließlich einen Beitrag zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen, zum Beispiel in den Bereichen Energiewende und sozialer Zusammenhalt. Diese Themen sind eng miteinander verbunden.

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