© Leona Hofmann / Universität Bremen
Zweite Aufführung nach 200 Jahren
Bremer Studentin weckt Oper „Lucretia“ aus Dornröschenschlaf
Mehr als 700 Seiten historischer Aufzeichnungen hat die Musikstudentin Evelyn Reisch durchgearbeitet. Note für Note hat sie die Oper „Lucretia“ des deutschen Komponisten Heinrich Marschner gesichtet, interpretiert, digitalisiert. Die historische Komposition, die nach ihrer Premiere im Jahr 1827 nie wieder aufgeführt wurde, kann nun erneut auf die Bühne gebracht werden. Und das wird sie auch: Zunächst in Auszügen auf einer wissenschaftlichen Tagung am 1. und 2. Juni im Forum am Domshof. Und kommendes Jahr in voller Länge: Das Badische Staatstheater Karlsruhe nimmt die „Lucretia“ in der Spielzeit 2027 ins Programm. Der Südwestrundfunk will einen Mittschnitt machen, den das Label cpo als CD herausbringen wird.
Wie wird es sich wohl anfühlen? Der Moment, wenn diese Musik erstmals nach 200 Jahren wieder erklingt? Wenn ein ganzes Orchester die Noten spielt, die sie in akribischer Arbeit ediert hat? Das kann Evelyn Reisch aktuell nur mutmaßen. Eins steht jedenfalls fest: Ohne das Engagement der 25-jährigen Studentin aus Bremen würde es diesen Moment sehr wahrscheinlich gar nicht geben; hätte Marschners Oper „Lucretia“ weiter im Dornröschenschlaf in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden gelegen.
Ungewöhnlicher Studi-Job: Eine komplette Oper edieren
Die Arbeit begann im Frühjahr 2024: Evelyn Reisch kann sich noch gut an den Moment erinnern, als sie erstmals von dem Projekt hörte. Als Bachelor-Studentin der Musikwissenschaft setzte sie sich im Rahmen des Moduls „Musik und Medien“ mit digitalem Notensatz auseinander. Der Leiter der Veranstaltung, der Komponist Ezzat Nashashibi, stand im Austausch mit Professor Ulrich Tadday aus der Historischen Musikwissenschaft, der eine studentische Mitarbeiterin für ein Projekt suchte. Auf Empfehlung Nashashibis sprach Tadday sie an: Er hätte da ein interessantes Projekt für eine studentische Mitarbeiterin. Spannend sei es, ein wenig außergewöhnlich und ehrlich gesagt viel Arbeit. Ob sie sich vorstellen könne, eine komplette Oper zu edieren?
„Das Angebot von Herrn Tadday kam für mich sehr überraschend und ich wollte die Entscheidung nicht überstürzen. Trotzdem habe ich ziemlich schnell zugesagt“, erinnert sich die Studentin: „Mir war nämlich schnell klar, dass das eine große Chance für mich ist, über mein Studium hinaus neue Erfahrungen zu sammeln.“ Bis heute hat sie es nicht bereut. Durch die Arbeit an der Lucretia hat sie auch ihr großes Interesse an der Musikphilologie entdeckt. Ihr Wissen in dem Bereich hat sie bereits durch die Teilnahme am Beethoven-Studienkolleg als auch durch ein Praktikum in der Brahms-Gesamtausgabe erweitert. Zudem steht bald ein Praktikum beim Musikverlag Bärenreiter an.
© Ulrich Tadday / Universität Bremen
Seit kurzem liegt die vollständige Lucretia-Partitur gedruckt vor. Während der Tagung Anfang Juni wird das aufwendig gestaltete Cover erstmals enthüllt. Ein Detail des Covers steht allerdings schon fest: Evelyn Reisch ist neben Ulrich Tadday als gleichberechtigte Herausgeberin angegeben. Das war dem Musikwissenschaftler wichtig, um Reischs Engagement sichtbar zu machen. „Das ist schon ungewöhnlich, dass sich Studierende mit so viel Leidenschaft und Akribie in ein Thema hineinbegeben. Es lief hervorragend,“ sagt Tadday.
Tagung öffentlich zugänglich
Die Tagung im Forum am Domshof in der Bremer Innenstadt ist ohne Anmeldung öffentlich zugänglich. Evelyn Reisch und Ulrich Tadday werden einen Vortrag halten, in dem sie den Werdegang der Lucretia-Edition erläutern und unter anderem auch die Entstehung der Oper beleuchten. Zudem werden Musikstudierende und professionelle Sänger:innen Auszüge der Oper vortragen. „Man muss die Lucretia einfach hören können“, meint Professor Tadday.
Damit das überhaupt möglich wird, musste Studentin Reisch in den vergangenen Jahren so einige Dursttrecken überwinden. Immerhin hatte sie im wahrsten Sinne des Wortes einen Riesenberg Arbeit vor sich: 700 Seiten umfasst die historische Notenschrift, die sie für heutige Zwecke nutzbar machen sollte. Das bedeutet konkret: Hunderttausende Noten, Vorzeichen und Dynamikangaben einzeln in ein digitales Notensatzprogramm übertagen. Und nicht nur das. Die eigentliche Herausforderung war das Interpretieren der 200 Jahre alten Quelle. „Um den Gesangstext zu übertragen, musste ich erst einmal lernen, die deutsche Kurrentschrift zu lesen. Auch die Noten waren nicht immer eindeutig notiert, teilweise fehlten sogar Angaben, die wir in unserer Edition ergänzen mussten. Dass die Quelle von unterschiedlichen Personen geschrieben wurde, hat das alles nicht einfacher gemacht“, erinnert sich die Studentin.
© Leona Hofmann / Universität Bremen
Zudem sei Marschners Lucretia überhaupt nur ein Mal aufgeführt worden. Aus diesem Grund gab es kaum Referenzen oder Interpretationen jüngeren Datums, an denen sie sich hätte orientieren können. Tatsächlich liegt von der autografen Partitur des Komponisten auch nur der erste Akt vor. Daher arbeitete Reisch mit einer Notistenabschrift, die Tadday und sie in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden ausfindig machen konnten. Diese Notistenabschrift ist die einzige bekannte Quelle, in der die Oper vollständig überliefert ist.
Also alles andere als ideale Voraussetzungen. Doch Reisch hat sich durchgebissen. „Mit der Zeit lernt man immer besser, mit den Problemen umzugehen, die einem begegnen. Auch mein Praktikum bei der Brahms-Forschungsstelle in Kiel hat mir sicherlich geholfen“, erzählt Reisch. Zudem habe sie ja nicht ganz allein dagestanden. Die Knackpunkte konnte sie mit Professor Tadday besprechen, einen Korrekturleser gab es auch.
Während der Arbeit an Marschners Lucretia hat Evelyn Reisch nicht nur viele weitere fachwissenschaftliche Erfahrungen gesammelt, sondern auch ihr Bachelorstudium erfolgreich beendet. Inzwischen studiert sie im letzten Semester an der Universität Hamburg das Masterprogramm „Historische Musikwissenschaft“, kehrt aber bald an die Universität Bremen zurück. Professor Tadday hat ihr kürzlich eine Stelle zur Promotion angeboten, die sie gern angenommen hat. Im Herbst soll es losgehen. Die Lucretia war eben nur der erste Akt ihrer wissenschaftlichen Karriere.