Zwischen Verdrängung und Verantwortung: Vier Jahre Angriffskrieg gegen die Ukraine

Professorin Schattenberg über Wahrnehmung, Verdrängung und die Folgen des Angriffs auf die Ukraine für Europa und die Wissenschaft

Forschung / Uni & Gesellschaft

Der Krieg in der Ukraine dauert an und ist doch für viele zum Hintergrund geworden. Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas und Direktorin der Forschungsstelle Osteuropas, Susanne Schattenberg, erklärt, warum diese Gewöhnung gefährlich ist, weshalb es sich nicht um einen fernen Territorialkonflikt handelt und welche Herausforderung der Angriff für europäische Demokratie und Sicherheitsordnung bedeutet. Zugleich beschreibt sie, wie sehr der Krieg Forschung und das Miteinander an ihrem Institut verändert hat.

Frau Schattenberg, vor vier Jahren startete die russische Vollinvasion in der Ukraine. Was sollten Menschen in Deutschland Ihrer Ansicht nach stärker verstehen, wenn sie über diesen Krieg sprechen oder urteilen?

Am Anfang war es wichtig zu verstehen, dass die Ukraine ein eigenständiger Staat und eine eigenständige Nation ist, dass Ukrainisch eine eigene Sprache ist und keine Mundart des Russischen. Dass dieser Staat und diese Kultur ein ebenso selbstverständliches Existenzrecht haben wie Deutschland oder Frankreich. Ich glaube, das ist inzwischen weitgehend angekommen.

Weniger präsent ist, dass es hier nicht um irgendeinen entfernten Konflikt oder um verschiebbare Territorien geht. Russland unter Putin stellt eine fundamentale Bedrohung für Europa dar. Es geht nicht nur um Land, sondern um Ideologie, um Expansionismus und Imperialismus.

In den besetzten Gebieten kann nicht einfach normal weitergelebt werden. Es gibt Foltergefängnisse, Kinder werden entführt, Kulturgüter zerstört oder nach Russland verbracht, eine systematische Russifizierung findet statt. Es ist ein Vernichtungskrieg gegen Kultur und gegen all jene, die sie verteidigen. Nicht vergleichbar mit dem Vernichtungskrieg der Wehrmacht, aber dennoch ein Angriff auf die nationale und kulturelle Existenz.

Diese Bedrohung für europäische Freiheitsvorstellungen, für Demokratie und letztlich auch für die internationale Sicherheitsordnung ist vielen nicht deutlich genug.

Viele Menschen nehmen den Krieg inzwischen eher als Hintergrundrauschen wahr. Beobachten Sie eine Form von Gewöhnung und ist das aus Sicht der Geschichtswissenschaft ein bekanntes Muster?

Das ist vermutlich eher eine medientheoretische oder medienhistorische Frage. Es hat viel mit öffentlicher Aufmerksamkeit zu tun. Anfangs war der Krieg Thema Nummer eins, die Kriegstage wurden gezählt. Irgendwann hörte das auf, er war nicht mehr Hauptschlagzeile, es gab Tage ohne Berichterstattung.

Die Frage ist, wie Journalistinnen und Journalisten ein so wichtiges Thema präsent halten können, ohne Menschen emotional oder in ihrer Aufmerksamkeit zu überfordern.

Mir persönlich ging es in den ersten Kriegsjahren so, dass ich innenpolitische Themen kaum ertragen konnte, weil sie mir angesichts dessen, was in der Ukraine geschah, so belanglos erschienen. Es ist für viele meiner Generation der erste Krieg, den wir so nah erleben, auch wenn das historisch nicht ganz stimmt. Es gab die Jugoslawienkriege, aber sie erschienen mir weiter entfernt.

Ich vermute, dass solche Verschiebungen der Aufmerksamkeit häufig vorkommen. Die Gefahr ist groß, zu glauben, es geschehe vielleicht gar nichts mehr, wenn nicht mehr berichtet wird, oder sich einzureden, der Krieg laufe eben weiter, wie er nun einmal läuft. Beides ist problematisch.

Gibt es historische Fehleinschätzungen oder Narrative aus den frühen Kriegsmonaten, die sich als besonders hartnäckig erwiesen haben?

Von Beginn an war bei vielen Entscheidungsträgern in Europa offenbar die Angst größer, Russland könne verlieren und zerbrechen, als die Angst, die Ukraine könne verlieren und Russland stünde dann an der Grenze zu Polen. Diese Haltung wirkt bis heute nach. Es scheint die Vorstellung zu geben, man könne den Krieg in einer Art Gleichgewicht halten, der Ukraine gerade so viel geben, dass sie nicht kollabiert, aber nicht so viel, dass sie sich vollständig befreien kann.

Diese Zurückhaltung ist fatal. Waffenlieferungen kamen zu spät und nie in ausreichendem Maß. Die Angst, selbst in den Krieg hineingezogen zu werden, war und ist zu groß.

Als Osteuropaexpertin äußern Sie sich häufig zum Ukrainekrieg in der Öffentlichkeit. Welche Fragen oder Reaktionen aus dem Publikum begegnen Ihnen derzeit besonders häufig?

Auffällig ist, dass offen pro-russische Stimmen kaum noch auftreten. Sie sind vermutlich noch da, aber sie äußern sich selten offen. Das finde ich tröstlich. Die meisten Wortmeldungen sind klar pro-ukrainisch.

Sehr stark ist die Hoffnung auf einen Friedensschluss, auf erfolgreiche Verhandlungen zwischen USA, Ukraine und Russland. Diese Hoffnung kann ich leider nicht teilen. Ich würde das, was derzeit geschieht, nicht einmal als echte Verhandlungen bezeichnen.

Es herrscht viel Ratlosigkeit und Ohnmacht, wenn deutlich wird, dass es derzeit wenig Perspektiven auf ein baldiges und gutes Ende gibt. Ökonomen und Militäranalystinnen sagen immer wieder, wenn Europa und die Verbündeten alles einsetzen würden, was möglich ist, könnte der Krieg beendet werden. Diese Bereitschaft sehe ich nicht. Und dass Russland von sich aus aufhört oder Trump Putin dazu bewegt, halte ich ebenfalls nicht für wahrscheinlich. Das ist bitter.

Wie gehen Sie als Historikerin damit um, wenn Geschichte nicht nur Forschungsgegenstand, sondern aktuelle Realität ist?

Es ist grauenhaft. Ich gehöre zu der Generation, die mit dem Mauerfall studiert hat. Es gab die Vorstellung von Demokratie, Freiheit und gemeinsamen Werten in ganz Osteuropa. Diese Euphorie war nicht unbegründet.

Als Putin 2000 Präsident wurde und die Pressefreiheit massiv einschränkte, haben wir das mit Sorge gesehen. Aber viele gingen davon aus, dass sich der autoritäre Staat in Grenzen halten würde. Dass sich das Regime vom autoritären Staat zur offenen Diktatur entwickeln würde, der von provozierten eingefrorenen Konflikten zu einem umfassenden Angriffskrieg in Europa übergeht, haben nur wenige vorausgesehen. Es fühlt sich an wie eine Rückkehr an einen Punkt vor 1989, vielleicht eher in die späten siebziger Jahre. Das ist bitter, auch weil es den Verlust Russlands als Teil einer möglichen demokratischen Entwicklung bedeutet.

Es gehört zur Selbstreflexion, warum deutsche Historikerinnen und Historiker die Ukraine lange weniger im Blick hatten und Russland so zentral war. Historische Gründe spielen eine Rolle, aber nicht nur. Heute steht die Ukraine im Zentrum der Forschung, auch der Geschichtswissenschaft. Die Zeit, in der man erst Russland erforschte und dann alle anderen, ist vorbei. Das ist gut, auch wenn man sich gewünscht hätte, es wäre unter anderen Umständen geschehen.

An der Forschungsstelle Osteuropa arbeiten auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Ukraine. Wie hat der Krieg den Arbeitsalltag und das Miteinander am Institut verändert?

Der Krieg hat uns von den Füßen auf den Kopf gestellt und tut es noch immer. Fast alle sind in irgendeiner Weise betroffen. Viele stammen aus der Ukraine, aus Russland oder aus Belarus, andere haben dort enge Freunde oder Familie.

Wir haben zahlreiche geflüchtete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgenommen, ebenso Archivare von Memorial. Noch immer arbeiten zehn bis zwanzig Personen zusätzlich am Institut, teils in Projekten, teils mit inzwischen selbst eingeworbenen Stellen.

Die Grundstimmung und die Zusammensetzung des Instituts haben sich verändert, ebenso die Forschungsthemen. Russlandforschung ist stark eingeschränkt, weil Reisen nicht möglich sind. Zugleich gibt es innovative Projekte, etwa Online Interviews mit Menschen in Russland, um gesellschaftliche Stimmen zum Krieg zu erfassen.

Die Ukraine-Forschung wird deutlich ausgebaut. Schon zuvor gab es große Projekte zum Maidan und zu Binnenflüchtlingen, nun kommen weitere hinzu. Auch die Archivkontakte, die traditionell stark nach Russland, Tschechien und Polen ausgerichtet waren, werden neu mit der Ukraine aufgebaut. Es gibt keinen Bereich am Institut, der von diesem Krieg unberührt geblieben ist.

Weitere Informationen

Zum Jahrestag am 24. Februar 2026 spricht Susanne Schattenberg auf zwei Veranstaltungen über den russischen Überfall auf die Ukraine: Der Vortrag „Der tägliche Krieg nebenan. Die Ukraine im fünften Kriegsjahr“ um 14:00 Uhr in der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (SuUB) beleuchtet Hintergründe, Entwicklungen und europäische Perspektiven des anhaltenden Krieges.

Um 18 Uhr folgt auf dem Marktplatz Bremen die Kundgebung „Für Eure und unsere Freiheit!“, die an vier Jahre Angriffskrieg erinnert und ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine setzt. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen rufen dazu auf, Unterstützung für die ukrainische Bevölkerung sichtbar zu machen.

Die SuUB lädt darüber hinaus zur aktuellen Ausstellung „Unissued Diplomas“ ein. Die Ausstellung dokumentiert die Geschichten von 40 ukrainischen Studierenden, die im Krieg getötet worden sind. Sie entstand aus einer Initiative junger Ukrainerinnen und Ukrainer. Das Projekt wurde 2023 gegründet und diese Ausstellung in über 30 Ländern auf fünf Kontinenten präsentiert. Sie ist noch bis zum 15. März zu sehen.

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