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Damals: Tausende von Büchern in Altpapier entdeckt

Entsorgungsaktion der Universitätsbibliothek sorgt für Entrüstung

Aufschrei bei Studierenden wie Mitarbeitenden der Universität Bremen: Eine größere Aussonderungsaktion der Universitätsbibliothek Bremen erntete 1983 heftige Kritik. Bücher im Altpapiercontainer? Das ging gar nicht.

Am 26. April 1983 berichtete der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) in seiner Zeitung „Treibsand“ erstmals von dem Vorfall. Er berief sich dabei auf die Informationen eines Hochschullehrers und mehrerer Studierender, die zahlreiche Bücher während der Semesterferien im Papiercontainer entdeckt hatten. Einige konnten gerettet werden, während der Großteil, wohl 2.000 bis 3.000 Exemplare, am Ende in der Bremer Müllverbrennungsanlage landeten.

„Sind wir nun die erste literarisch beheizte Bibliothek?“

Der AStA verglich die Aktion mit den Ereignissen im damals sehr bekannten Film „Fahrenheit 451“ von Francois Truffaut, in dem der Besitz und das Lesen von Büchern verboten ist und sie vernichtet werden. Mit Sätzen wie „Fahrenheit 451 wurde zur Wirklichkeit in der naheliegenden Müllverbrennungsanlage“ und „Sind wir nun die erste literarisch beheizte Bibliothek?“ trat der Unmut über die Aktion besonders deutlich hervor.

Werke von Marx und Engels vernichtet?

In dem Artikel wurde behauptet, es seien vor allem politische Werke – etwa jene von Marx und Engels – sowie auch religionswissenschaftliche und soziologische Bücher vernichtet worden. Aber damit nicht genug: Es stellte sich heraus, dass die ersten Seiten fehlten und, laut einer Mitarbeiterin der Bibliothek, von den Angestellten selbst herausgerissen wurden, um sie zusätzlich zu entwerten.

Zumindest bestätigte das die Abteilungsleiterin im Bereich Geschichte und Gesellschaftswissenschaften. Sie erzählte weiterhin, die aussortierten Bücher hätten einen Wert von 5.000 Mark gehabt. Unterstützt wurde diese Einschätzung auch von dem zuständigen Mitarbeiter für Rara und Handschriften, der allein eine vernichtete 12-bändige Sammlung von Bismarck-Reden auf einen Wert von 800 Mark schätzte.

Cover Treibsand 1983
„Fahrenheit 451 – die Temperatur bei der Papier zu brennen anfängt“: Der Titel der damaligen AStA-Zeitung Treibsand sprach für sich.
© Universitätsarchiv

Beide widersprachen damit der Stellungnahme des Bibliotheksleiters, der sich nach offenen Briefen der AStA zu den Vorwürfen äußerte. Er habe aufgrund von Platzmangel entschieden, alte und unbrauchbare Bestände – vor allem der Pädagogischen Hochschule, einem Vorläufer der Universität – zu entsorgen und betonte, dass die Bücher zuvor noch einmal von Antiquaren bewertet worden waren. Dies sei eine vollkommen übliche Makulierung gewesen.

Disziplinarmaßnahmen wurden eingestellt

Den Mitarbeitenden der Bibliothek, die sich an den AStA gewandt hatten, drohten kurz darauf Disziplinarmaßnahmen, weil sie mit ihren internen Beobachtungen an die Öffentlichkeit gegangen waren. Im Beschlussantrag für die Sitzung am 8. Juni 1983 forderte der Akademische Senat (AS) den Rektor bereits dazu auf, dieses Verfahren wieder einzustellen. Dem wurde stattgegeben. Die Androhung solcher Schritte wurde als Unterdrückung der freien Meinungsbildung und der Kritik betrachtet und entschieden abgelehnt.

Anlässlich der darauffolgenden Sitzung konnte der Vertreter des AStA außerdem gerettete Bücher vorlegen, als Beweis dafür, dass tatsächlich nicht nur Unbrauchbares und Wertloses vernichtet worden war. Der AS zeigte vor allem angesichts von BAföG-Kürzungen durchaus Verständnis für den Ärger der Studierenden. Allerdings machte einer der Senatsmitglieder in einer Erklärung deutlich, für ihn handele es sich um eine Stellvertreterdebatte, „hinter der sich in Wahrheit ganz andere Konflikte verstecken“. Auch sprach er sich gegen die wiederholte Darstellung des Vorfalls als „Bücherverbrennung“, in Anlehnung an Ereignisse insbesondere am 10. Mai 1933, aus.

Am Ende stand die Feststellung, dass Aussonderungen wie diese in Zukunft öffentlich gemacht und Richtlinien erarbeitet werden müssten, um mehr Transparenz zu gewährleisten. Weiterhin behielten die Bücher selbst als aussortierte Bestände den Charakter von Arbeitsmitteln und sollten daher zuerst Hochschulangehörigen zur Verfügung gestellt werden.

So hat die umstrittene Aussonderungsaktion mit dieser Regelung für die Zukunft vielleicht doch ein gutes Ende genommen. In jeden Fall weit weniger dramatisch und folgenschwer, als in der Dystopie „Fahrenheit 451“ beschrieben.

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