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„Ältere brauchen eine ‚Digitalambulanz‘“

Die Corona-Krise macht es deutlicher als je zuvor: Die ältere Generation ist digital abgehängt. Als Risikogruppe zuhause oder in Heimen ausharrend, ist vielen Älteren eine moderne Kommunikation und gesellschaftliche Teilhabe nicht mehr möglich.

Es ist eines der großen Dramen der aktuellen Krise: Millionen Seniorinnen und Senioren sitzen in den eigenen vier Wänden oder in Heimen. Kommunikation mit Angehörigen und Freunden erfolgt maximal per Telefon. Aber die Älteren wollen ihre Bezugspersonen auch SEHEN. Tablets könnten helfen. Forderungen nach einer besseren digitalen Ausstattung und konkrete Hilfe für diese Generation hat der Informatiker Professor Herbert Kubicek von der Universität Bremen schon vor Jahren gestellt.

Herr Kubicek, vor zwei Jahren haben Sie die Politik aufgefordert, sofort 33.000 Tablet-PCs für 3.000 Seniorentreffs und Seniorenheime bereitzustellen, um damit 300.000 älteren Menschen einen niedrigschwelligen Einstieg in die digitale Kommunikation zu ermöglichen. Wurden Sie erhört?

Diese Forderung erfolgte 2018 im Rahmen eines Masterplans, den ich mit der Stiftung Digitale Chancen nach einem erfolgreichen Pilotprojekt mit der Ausleihe von Tablets erarbeitet hatte. Er wurde an mehrere Ministerien und die Fraktionen im Bundestag geschickt wurde. Ich kenne keine konkrete Aktion, die auf diesen Aufruf reagiert hat. Allerdings wurde in Bremen ein anderer Teil des Masterplans aufgegriffen: Menschen, die zu Hause unterstützt werden, weil sie Begegnungsstätten nicht aufsuchen können und noch nicht in ein Heim wollen, soll soziale Teilhabe mit einer „aufsuchenden Digitalassistenz“ ermöglicht werden. Der neue Bremer Senat hat in seinem Koalitionsvertrag die Förderung solcher Digitalambulanzen angekündigt.

Tatsächlich sieht es aktuell so aus, dass Millionen Senioren im Heim oder in ihrer Wohnung sitzen und mit ihren Angehörigen höchstens telefonieren können. Video-Chats oder andere Technologien sind ihnen unbekannt.

Ich würde nicht sagen „unbekannt“, sondern „ungewohnt“ und teilweise „unheimlich“. Meine Interviews zeigen, dass sich ein Teil der Älteren ein Tablet und einen Vertrag nicht leisten kann. Anderen fehlt das Selbstvertrauen, sich auf eine ungewohnte und nicht überschaubare neue Technik einzulassen. Sie haben keine Erfahrung, um auf die damit verbundenen Probleme angemessen reagieren zu können. Aber zunächst muss man zwischen Zugang und Nutzung unterscheiden. Was den Zugang betrifft, nimmt die WLAN-Ausstattung in den Einrichtungen langsam zu und auch die Verfügbarkeit von digitalen Geräten– hier allerdings überwiegend Smartphones. Aber die Verfügbarkeit eines Geräts heißt nicht automatisch auch „Nutzung“. Es ist eben nicht wie beim Fernseher, den man einfach anschaltet und den Nutzen unmittelbar sieht. Es fehlt die Unterstützungsinfrastruktur.

In der Folge bleiben – gerade jetzt in der Krise – viele ältere Menschen ohne Kontaktmöglichkeiten, die sie eigentlich haben könnten?

Einsamkeit und mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten der Älteren sind ja nicht erst seit der Corona-Krise ein Thema. Menschen dieser Generation haben Angehörige, die oft weit weg leben. Und dass Einsamkeit krank macht, war auch vorher bekannt. Wie stark gerade ältere Menschen ausgegrenzt und abgehängt werden, sieht man aber jetzt erst richtig bei den harten Kontakt- und Besuchsbeschränkungen. Wenn wir jetzt nicht endlich etwas tun, lassen wir diese Menschen mit ihrer Einsamkeit alleine.

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Fordert eine bessere Versorgung älterer Menschen mit digitalen Geräten und Anwendungen: Informatik-Professor Herbert Kubicek.
Foto: Kai Uwe Bohn / Universität Bremen

„Wenn wir nicht endlich etwas tun, lassen wir die Älteren mit ihrer Einsamkeit alleine.“


Zur Person:

Herbert Kubicek (73) war von 1988 bis 2011 Professor für Angewandte Informatik mit dem Schwerpunkt Informationsmanagement und Telekommunikation an der Universität Bremen. Er gehört zu den Gründern des Instituts für Informationsmanagement Bremen (ifib), einem eigenständigen An-Institut der Universität Bremen. Zudem hat er die Stiftung Digitale Chancen initiiert. Kubicek hat sich unter anderem mit seinen Forschungen zur digitalen Bürgerbeteiligung und zur digitalen Teilhabe von Älteren einen Namen gemacht und ist weiterhin im ifib mit Projekten zu diesen Themen tätig.


In Ihrer Studie „Nutzung und Nutzen des Internets im Alter“, die sie mit Barbara Lippa vorlegt haben, konstatierten Sie vor zwei Jahren: Von den über 70-Jährigen haben mehr als 10 Millionen das Internet noch nie genutzt. Hat sich seither etwas geändert?

Vielleicht reden wir jetzt nur noch über 9 oder 9,5 Millionen, denn die Smartphone-Nutzung hat tatsächlich zugenommen. Aber Nutzung ist nicht gleich Nutzung. Viele Ältere haben ein Smartphone und telefonieren damit. Aber Videotelefonie ist ja ein komplizierterer Vorgang, ebenso Onlinebestellungen oder Videosprechstunden mit dem Hausarzt. Alleine dass man sich registrieren und ein Passwort festlegen muss, das man nicht aufschreiben darf, ist eine völlig neue Herausforderung.

Warum ist die Hürde so groß?

Weil viele Menschen, die heute 70 oder 80 Jahre alt sind, in ihrem Berufsleben keine digitalen Anwendungen kennengelernt haben. Was für jüngere Generationen selbstverständlich ist, haben sie nie erlebt und gelernt. Kinder oder Enkel schenken ihnen dann Smartphones und Tablets, aber wie geht man damit richtig um? Da ist es auch mit Tabletkursen, etwa in der Volkshochschule, nicht getan. Was es braucht, nennen wir „responsive Assistenz“, die situations- und bedarfsgerecht auf die unterschiedlichen Barrieren reagiert. Der im Koalitionsvertrag des Bremer Senats verwendete Begriff „Digitalambulanz“ trifft das recht gut. Da kommt jetzt auch – mit unserer wissenschaftlichen Begleitung – etwas in Gang.

Worum geht es dabei konkret?

Der Senator für Finanzen hatte im Rahmen eines größeren Pilotprojekts zur Erprobung unterschiedlicher neuer Dienstleistungen für ältere Menschen auch ein Pilotprojekt zur „Aufsuchenden Digitalassistenz“ gefördert. Es wurde zusammen mit vier Wohlfahrtsverbänden durchgeführt, die in Bremen einen großen Teil der Altenhilfe leisten. Dabei wurden unterschiedliche Bedarfe deutlich. Auf eine erste Einladung haben sich noch im Dezember 2019 über 15 Einrichtungen gemeldet und ihr Interesse an einem „Netzwerk Digitalambulanzen“ bekundet. Außerdem wurden auch Fördermittel des Bundes eingeworben. Im Mai hätte es mit einem Kick-Off-Treffen losgehen sollen. Das wird nun wohl erst nach den Sommerferien geschehen.

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Smartphones sind bei älteren Menschen immer öfters vorhanden, doch aber die Verfügbarkeit eines Geräts heißt nicht automatisch auch „Nutzung“.
©rupert B. auf pixabay

„Vielleicht wird es durch die Corona-Krise besser. Nach der Epidemie ist ja auch immer vor der Epidemie.“

Die Tablet-„Soforthilfe“, die Sie forderten, hätten inklusive Unterstützung 50 Millionen Euro gekostet. Gegenüber den Milliarden, die jetzt in Richtung Schul-Digitalisierung fließen sollen, sind das Peanuts.

Das haben wir auch versucht deutlich zu machen. Aber offenbar wurde und wird die Bedeutung der Versorgung älterer Menschen mit digitalen Geräten und Anwendungen einfach nicht gesehen. In Parteiprogrammen oder Zukunftsstrategien findet sich die „Digitalisierung für alle“ regelmäßig wieder. Aber die Realität sieht anders aus. Auf dem Dorf beispielsweise sind viele Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Banken und so weiter verschwunden. Da wird die digitale Teilhabe zur Daseinsvorsorge. Aber schauen Sie mal in der Realität, ob Landbewohner mit 70 oder 80 tatsächlich im Internet bestellen oder Online-Banking machen. Tun sie nicht. Weil es ihnen niemand gezeigt hat und ihnen niemand zur Seite steht. Vielleicht wird es jetzt durch die Corona-Krise besser. Nach der Epidemie ist ja auch immer vor der Epidemie.

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