© Yana Bondar
Erinnerungskultur im Wandel
Künstliche Intelligenz, Virtual Reality und immer weniger Zeitzeug:innen: Was passiert mit dem Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus?
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Seit 1996 gedenkt Deutschland an diesem Datum der Opfer des Nationalsozialismus. Wie erinnern wir uns heute, acht Jahrzehnte nach Kriegsende, an die NS-Zeit? Wie wirkt es sich aus, dass es immer weniger Zeitzeug:innen gibt, die in ihrer Familie, ihrem Freundeskreis und in der Gesellschaft von ihren Erlebnissen berichten können? Welche Rolle spielen historische Orte und Archive? Was können Virtual Reality und Künstliche Intelligenz in diesem Kontext bewirken? Darüber sprach up2date. mit Dr. Veronika Hager von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Sie hält am 27. Januar 2026 den Vortrag „Die (Un-)Mittelbarkeit der Erinnerung: Gedenkarbeit zwischen historischer Distanz und dringlicher Nähe“ an der Universität Bremen.
Frau Hager, es gibt immer weniger Zeitzeug:innen. Wenn die Personen, die den Schrecken der NS-Zeit selbst erlebt haben, nicht mehr da sind, wie wirkt sich das aus?
Dazu möchte ich zunächst sagen: Es gibt aktuell durchaus noch einige Zeitzeug:innen. Und da diese vor achtzig Jahren selbst noch sehr jung waren, haben sie einen ganz besonderen Zugang zur jüngeren Generation. Sie können erzählen, wie es war, als junger Mensch verschleppt zu werden oder die Eltern zu verlieren. Aber natürlich ist der Verlust der Zeitzeug:innen ein unaufhaltsamer Prozess. Die Historisierung der NS-Vergangenheit stellt uns auf jeden Fall vor neue Herausforderungen. Andere Quellen spielen eine größere Rolle, zum Beispiel Objekte und Orte wie Archive und Gedenkstätten.
Wie bedeutet das für die Erinnerungsarbeit?
Die Besucher:innen der Gedenkstätten haben einen hohen Anspruch an Authentizität. Das können wir in unserer aktuellen Studie „MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor”, in der wir Bürger:innen ab 18 Jahren regelmäßig befragen, sehen. Wenn Zeitzeug:innen nicht mehr zur Verfügung stehen, rücken Gedenkorte stärker in den Fokus. Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass auch diese Orte eine Geschichte jenseits der NS-Zeit haben: Sie wurden nicht nach Kriegsende konserviert, sondern vielfach anders genutzt, Gegenstände entfernt oder Gebäudeteile abgerissen. Diese Orte mussten erst von Überlebenden erkämpft und in Gedenkorte gewandelt werden. Sie sind daher aus geschichtlicher Perspektive relativ jung. Viele Besucher:innen haben das Bedürfnis, an diesen Orten einen persönlichen Zugang zur Vergangenheit zu finden.
Aber das Erinnern findet natürlich nicht nur in Gedenkstätten statt. Jede:r würde in seiner eigenen Familie, an seinem Wohnort und vielleicht sogar in seiner Arbeitsstätte Spuren der NS-Zeit finden. Das Thema Zwangsarbeit wird in der Erinnerungskultur oft vernachlässigt, obwohl es mitten in der Gesellschaft stattgefunden hat. So haben beispielweise nur etwa zwölf Prozent der deutschen Unternehmen, die damals schon existierten, ihre Vergangenheit aufgearbeitet. Es ist eine Aufgabe der Erinnerungsarbeit, immer wieder bewusst zu machen, dass der Schrecken des Nationalsozialismus nicht nur in den Lagern stattgefunden hat. Und in der Gegenwart spielt die NS-Zeit auf einmal eine Rolle im Alltag, wenn man im öffentlichen Diskurs selbst beobachtet, wie bestimmte Dinge plötzlich sagbar werden und wie unangenehm Widerstand werden kann.
Wie sehen Sie den Einsatz von Virtual Reality und Künstliche Intelligenz in diesem Kontext?
Beides hat Risiken und Chancen. Der Einsatz von Virtual Reality in der Erinnerungsarbeit kann sich sehr lohnen. Im Projekt „In Echt? – Virtuelle Begegnung mit NS-Zeitzeug:innen“ der Brandenburgischen Gesellschaft für Kultur und Geschichte wurden beispielsweise Zeitzeug:innengespräche per VR-Brille immersiv erlebbar gemacht. Das Projekt fuhr per Bustour durch Deutschland, vor allem in Gegenden, in denen Gedenkstätten schwer erreichbar sind. Der Einsatz von Virtual Reality ist gerade bei jungen Leuten attraktiv. Diese Kombination von mobiler Ausstellung und modernen Medien zieht viele Besucher:innen an. Aber natürlich hat der Einsatz von VR auch Grenzen. Wie echt darf das Erlebte wirken, wenn es zum Beispiel an historischen Tatorten wie ehemaligen Konzentrationslagern eingesetzt wird? Welche ethischen Grenzen gibt es? Dieser Frage stellen sich Archive und Museen, wenn sie ihre Inhalte möglichst nachvollziehbar machen möchten.
Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz stehen wir vor noch größeren Herausforderungen: Informationen aus gängigen Large Language Modellen wie Chat-GPT oder Gemini sind nicht verlässlich. Historische Fotos können in einer Art und Weise verändert werden, die für untrainierte Betrachter:innen nicht mehr nachvollziehbar ist. Oder sie werden ohne Kontext dargestellt, der aber wichtig ist, da es sich zum Beispiel bei Fotos aus den Lagern meist um Täterfotos mit propagandistischer Absicht handelt. Da Fotos in der Regel erst einmal als authentisch wahrgenommen werden, stellt das unsere Arbeit vor ganz neue Herausforderungen. Das ist also ein ganz wichtiges Thema in der Gedenkarbeit. Dennoch bietet KI natürlich auch Chancen. Ein gut programmierter Chatbot zu einem bestimmten Ort kann Interessierten niedrigschwellig Fragen beantworten oder Besucher:innen in einer großen Ausstellung zur passenden Installation schicken.
Was kann die Wissenschaft dazu beitragen, die Erinnerung im öffentlichen Diskurs zu erhalten?
Ich sehe eine große Chance darin, über die Forschungsergebnisse hinaus auch die Methoden der Geschichtswissenschaft zu kommunizieren. Nicht alle, aber einige sind leicht verständlich und erlernbar. Damit können auch Lai:innen selbst aktiv werden und zum Beispiel ihre eigene Familiengeschichte aufarbeiten, wenn sie das möchten. Dabei muss die Arbeit gar nicht in Archiven beginnen. In den meisten Familien gibt es Tagebücher, Briefe oder Fotos, die erste Anhaltspunkte liefern. Außerdem stärkt die Kommunikation über die Methodik das Vertrauen in die Wissenschaft. Gerade zu einem Zeitpunkt, in der Geschichte im öffentlichen Diskurs instrumentalisiert wird – zum Beispiel durch das Verdrehen von Fakten – ist das sehr wichtig. Was sehr positiv ist: In unserer MEMO-Jugendstudie von 2023 wurde deutlich, dass die jüngere Generation ein großes Interesse an der NS-Geschichte hat. Es ist ihnen überhaupt nicht egal, was damals passiert ist. Wenn wir in der Erinnerungsarbeit neue Perspektiven und Zugänge bieten, treffen wir also auf ein interessiertes Publikum.
Über Veronika Hager
Veronika Hager ist Wissenschaftliche Referentin des Vorstands in der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Zuvor leitete die promovierte Südosteuropa-Historikerin mehrere Jahre die Bildungsabteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Museum co-kuratierte sie u.a. das „Demokratie-Labor“ 2019 und war an mehreren Sonderausstellungen beteiligt.
© German Historical Museum