© Annemarie Popp / Universität Bremen
Geburt, Glaube, Gewalt
Als Stipendiatin des World Youth Forum Grants untersucht Siphosethu Fela Religion und Rassismus in der südafrikanischen Geburtshilfe
Schwarze Frauen in Südafrika erleben während der Geburt ihres Kindes immer wieder Übergriffe und respektlose Behandlung. Doch warum ist das so, und was lässt sich dagegen tun? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Siphosethu Fela in ihrer Promotion und forscht dabei ein halbes Jahr an der Universität Bremen, als erste Stipendiatin des World Youth Forum Grants. Mit dem Grant bietet die Stiftung der Universität Bremen über einen Zeitraum von zehn Jahren jungen Wissenschaftler:innen aus Südafrika die Möglichkeit, an der Universität Bremen zu studieren und zu forschen. Die Ausschreibung richtete sich insbesondere an Studierende am Ende des Masterstudiums und Promovierende zu Beginn ihrer Forschung aus den Kultur- und Sozialwissenschaften.
Vom internationalen Jugendtreffen zum Stipendium
Der Grant geht zurück auf das ehemalige World Youth Forum in den USA – ein jährliches Treffen junger Menschen aus aller Welt, das vom Ende der 1940er bis zum Anfang der 1970er Jahre stattfand. Als die ehemalige südafrikanische Teilnehmerin Marita Wessels starb, vermachte sie einen Teil ihres Vermögens dem Alumni-Verein des World Youth Forum, dem auch Dr. Rita Kellner-Stoll angehört. Sie ist Kuratoriumsmitglied der Stiftung der Universität Bremen und selbst Stifterin einer Treuhandstiftung der Stiftung der Universität Bremen, der KELLNER & STOLL-STIFTUNG FÜR KLIMA UND UMWELT.
„Auf Grundlage der südafrikanischen Herkunft von Marita Wessels und ihres Interesses an kulturellen Themen entstand die Idee für den Grant“, sagt Rita Kellner Stoll. Das Stipendium deckt nicht nur Flug, Krankenversicherung und einen Zuschuss zu den Lebenshaltungskosten für bis zu sechs Monate ab, sondern schafft vor allem Raum für internationalen Austausch – wie bei Siphosethu Fela.
© Annemarie Popp / Universität Bremen
Geburt unter ungleichen Bedingungen
Nach ihrem Bachelor in Philosophie und ihrem Master in Theologie, in dem sie sich besonders mit Geschlecht, Religion und Gesundheit beschäftigt hat, arbeitet Siphosethu Fela nun an ihrer Promotion im Bereich Religion und sozialer Transformation an der University of KwaZulu-Natal. Ihr Thema: die oft gewaltsame Behandlung von Schwarzen Frauen unter der Geburt in staatlich geförderten südafrikanischen Krankenhäusern. „In Südafrika wird das Gesundheitswesen in staatliche und private Krankenhäuser unterteilt“, erklärt sie. „Die staatlich geförderten Krankenhäuser sind mit unzureichenden Ressourcen ausgestattet, und die Mehrheit der Patient:innen sind Schwarze Menschen.“
Dort erleben viele Frauen Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Normalität. Sie berichten von Anschreien, sexueller Belästigung und Eingriffen wie Kaiserschnitten ohne Zustimmung. Aufgrund ihrer Forschung ist Siphosethu Fela überzeugt, dass die Ursachen hierfür nicht nur in Personalmangel oder Überlastung liegen, sondern religiöse, rassistische und koloniale Vorstellungen in der Medizin tief verwurzelt sind.
Forschung mit gesellschaftlichem Einfluss
In ihrer historischen Forschung analysiert Fela, wie sehr christliche Kirchen in Südafrika das Frauenbild, insbesondere das der Schwarzen Frauen, prägten. Über Jahrhunderte hinweg wurden rassistische, koloniale und sexistische Aussagen religiös legitimiert. „Schwarze Frauen wurden als minderwertig, widerspenstig und als Quelle der Verunreinigung dargestellt“, sagt sie. Diese Vorstellungen sind bis heute nicht verschwunden und können auch von Menschen übernommen werden, die selbst von Rassismus betroffen sind.
Wie der Zusammenhang zwischen Glaube, Medizin und Rassismus heute aussieht, möchte Siphosethu Fela in ihrer empirischen Forschung untersuchen. Aktuell plant sie, in zwei staatlich geförderten Krankenhäusern Umfragen mit Ärzt:innen, Hebammen und Pfleger:innen durchzuführen. Mit Fragen zu religiösen Einstellungen, zu Themen wie der Abtreibung und zum Frauenbild des Gesundheitspersonals möchte sie diesen Zusammenhang weiter ergründen. Auf lange Sicht hofft sie, mit ihrer Forschung Änderungen anzustoßen. „Es ist mir wichtig, dass Forschung auch gesellschaftlichen Einfluss hat“, sagt sie.
„Nicht nur die Stipendiat:innen profitieren“
Ihren Aufenthalt in Bremen nutzt Siphosethu Fela für die Recherche und die Zusammenarbeit mit anderen Forschenden. In Bremer Archiven und Museen sucht sie nach Quellen für ihre historische Forschung. Sie tauscht sich regelmäßig mit der Kulturwissenschaftlerin Dr. Cordula Weißköppel aus. Mit Hajo Zeeb, Professor für Epidemiologie, sprach sie außerdem über Gemeinsamkeiten und Unterschiede im deutschen und südafrikanischen Gesundheitssystem. Auch der Kontakt mit anderen Promovierenden in der Verbundforschungsplattform „Worlds of Contradiction“ ist ihr wichtig.
Doch der Grant ermöglicht nicht nur Siphosethu Fela neue Perspektiven, er stärkt auch insgesamt die Verbindungen zwischen der Universität Bremen und ihren südafrikanischen Partneruniversitäten. Am International Office der Universität Bremen koordiniert Dr. Ursel Hauschildt das Programm für die Universität und die Stiftung und wirkt dabei als Bindeglied zwischen den Forschenden aus Südafrika und aus Bremen. „Eine besondere Rolle für die Zusammenarbeit spielte bei der Erstausschreibung des Grants Rozena Maart, Professorin an der School of Social Sciences am College of Humanities der University of KwaZulu Natal und Research Ambassador an der Universität Bremen“, sagt Ursel Hauschildt. „Sie unterstützte unter anderem dabei, die Ausschreibung an die akademischen Strukturen und Bedürfnisse südafrikanischer Forschender anzupassen, etwa bei Fragen zur Gestaltung der Förderbedingungen“.
„Das alles zeigt, dass von dem Grant nicht nur die Stipendiat:innen selbst profitieren“, sagt Rita Kellner-Stoll. „Er stärkt auch insgesamt die Verbindungen zwischen der Uni Bremen und ihren südafrikanischen Partneruniversitäten. Und er zeigt, wie Stiftung, Forschende und Verwaltungsmitarbeitende kooperieren, um solche Verbindungen zu ermöglichen.“