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Damals: Verstrahlt – Radioaktivität an der Universität Bremen

Kernenergie und die Endlagerung radioaktiver Abfälle – darüber wurde schon in den 1970er Jahren heftig diskutiert. Auch auf dem Campus der Universität, wo selbst derart kontaminierte Rückstände anfielen.

Der Atomunfall in Fukushima und der nachfolgende endgültige Ausstieg aus der Atomkraft war nicht der Beginn der Diskussionen auf diesem Gebiet: Schon seit den 1970er Jahren wurden auf dem Feld der Energieversorgung gesellschaftspolitische Kämpfe ausgetragen. Aus dem Geist von 1968 hatte sich die Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung formiert. Diese prägte unter anderem auch das Forschungsinteresse im Studiengang Physik der Universität Bremen.

Zudem war die Universität Bremen mit dem Problem der Entsorgung eigener radioaktiv kontaminierter Abfälle konfrontiert. So behandelte beispielsweise eine Personalratssitzung im März 1980 den geplanten Umbau eines Ölbunkers in einem Trafo-Gebäude vor dem GW1. Dieser Bunker sollte nun abgebrannte Brennstäbe aus einer Neutronenquelle aufnehmen. Es handelte sich um einen der beiden Lösungsmittelbunker auf dem Universitätsgelände, in denen normalerweise lediglich chemische Abfallstoffe aus den Laboren der Physik, Biologie oder Chemie verwahrt wurden. Für die Aufnahme radioaktiver Abfälle fiel die Standortwahl vermutlich auf den Bunker am GW1, weil er sich in geringer Distanz der Fachbereich Physik befand. Dieser beherbergte eine Reihe Messgeräte zur Erfassung radioaktiver Strahlung.

Forschungslabor Bleihaus
Das „Bleihaus“ der Universität Bremen war nur ein Provisorium – Forderungen nach besserer Ausstattung blieben ungehört, bis plötzlich die Tschernobyl-Katastrophe für ein Umdenken sorgte.
© Universitätsarchiv

Zu Beginn der 1970er Jahre war die kritische Beschäftigung mit der zivilen Nutzung von Kernenergie ein Hauptanliegen vieler Professorinnen und Professoren sowie der Studierenden im Studiengang Physik. Zur Erforschung des Einflusses radioaktiver Emissionen auf die Umwelt richteten sie ein Labor mit empfindlichen Messinstrumenten ein, das sogenannte „Bleihaus“ bzw. „Bleikeller“.

Fallout von Kernwaffentests nachgewiesen

Es gelang den Mitarbeitenden nicht nur, den Fallout etwaiger Kernwaffentests nachzuweisen. Vielmehr offenbarten die Messreihen auch eine Belastung durch Kernkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen. Allerdings löste dieses Provisorium zunehmend Unmut unter den universitären „Strahlenmessern“ aus, und sie drängten den Bremer Senat zur Bereitstellung langfristiger finanzieller Mittel. In diesem Streit um Gelder und Arbeitsplätze stellte das „Bleihaus“ Ende des Jahres 1985 seine Arbeit ein.

Der nur wenige Monate später stattfindende Reaktorunfall von Tschernobyl bewog das Land Bremen jedoch, wieder in Verhandlungen mit dem Personal zu treten. Zunächst hatte die Universität Bremen den zehn Mitarbeitenden aus eigenen Mitteln Werkverträge ausgestellt. Sie waren jedoch nur gering dotiert und liefen am 15. Oktober 1986 aus. Am 22. Oktober einigten sich die Parteien auf den Abschluss neuer Werkverträge, die bis zum Jahresende eine Wiederaufnahme der Arbeit garantierten.

Landesmessstelle für Radioaktivität 1987 eingerichtet

Gleichzeitig erfolgte die Reorganisation des „Bleihauses“, sodass am 1. Januar 1987 die Landesmessstelle für Radioaktivität eingerichtet und feste Arbeitsplätze sowie ein angemessenes Budget für Messgeräte bereitgestellt wurde. Bis heute unterliegt die Landesmessstelle einer Sonderregelung, weil der Bremer Senator für Umweltschutz sowie der Senator für Gesundheit und Sport der hiesigen Universität lediglich die Aufgaben einer derartigen Einrichtung übertragen haben. Damit handelt es sich nicht um ein universitäres Institut; vielmehr ruht die Fachaufsicht bei den jeweils zuständigen senatorischen Behörden.

Der Reaktorunfall von Tschernobyl führte 1987 zur Gründung der Landesmessstelle für Radioaktivität

Auch die Einsetzung des Personals sowie deren Messprogramme geschehen in Absprache mit dem Land Bremen. In dessen Auftrag überwacht das Labor nunmehr die Kontamination von Gewässern und Böden durch Radionuklide. Hierzu sammeln die Mitarbeitenden Umweltproben wie etwa Waldpilze oder Sand aus Spielkästen. Bis 1998 gab die Landesmessstelle derartige schwachradioaktive Abfälle zum Abklingen im ehemaligen Ölbunker neben dem GW1 ab. Anders als ursprünglich angedacht, wurden hier keine radioaktiven Zerfallsprodukte aus universitätsinternen Laboren gelagert.

Allerdings war der Strahlenschutzbeauftragte der Universität die zentrale Instanz, wenn es um die Kontrolle der ordnungsgemäßen Zwischenlagerung des belasteten Materials ging. So entsorgte die Landesmessstelle zwar ihre eigenen radioaktiv kontaminierten Umweltproben in dem besagten Ölbunker, die Überwachung fiel jedoch in den Zuständigkeitsbereich der Universität, andernfalls hätte sich das An-Institut nämlich selbst beaufsichtigen müssen.

Das Nuklidlager musste einem Hörsaal weichen

Trotzdem führte die Landesmessstelle im Juli 1998 die Räumung des Nuklidlagers im Trafo-Gebäude vor dem GW1 durch. Dies geschah auf Anordnung des Strahlenschutzbeauftragten, weil auf der Fläche ein neues Hörsaalgebäude entstehen sollte. Nach der Freiräumung überprüften die Mitarbeitenden der Landesmessstelle den Ölbunker auf eine eventuelle radioaktive Belastung, indem sie ein Oberflächen-Kontaminationsmonitoring erstellten. Glücklicherweise war das Trafo-Gebäude selbst nicht belastet, sodass der Abriss planmäßig ablief.

Heute erinnert nichts mehr an die Lagerstätte. Bedarf für eine neue existiert auch nicht, denn die Universität bringt ihren radioaktiven Müll sofort in das Brennelemente-Zwischenlager Krümmel, das sich in Geesthacht befindet.

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