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Kennt Ihr schon… die Radfahrergruppe auf dem Boulevard?

Auf dem Campus gibt es viel zu entdecken. Doch was verbirgt sich dahinter? up2date hat für Neugierige Erklärungen zusammengetragen. Willkommen zur Campusführung!

Seit Oktober 1978 liefern sie sich einen erbitterten Kampf um das Finale. Drei Radrennfahrer, angepeitscht von ihren Trainern. Peter Mittler, ein Künstler aus der Eifel, nannte die Szene „Konkurrenz“. Der Zahn der Zeit, gepaart mit studentischem Übermut, hat die fast lebensgroßen naturalistischen Figuren stark angenagt. Viele Passanten wundern sich über die Fragmente. Genaues Hinsehen lohnt sich aber.

Der Fahrer im braunen Trikot ist böse gestürzt. Sein Verfolger in Rot verliert gerade seinen Vorsprung. Kollision droht. Er erhält von seinem Trainer im roten Jogginganzug den Hinweis, auszuweichen und Speed zu geben. Der Einpeitscher trägt unverkennbar die Züge Adolf Hitlers. Für den Blauen, ursprünglich an dritter Position, tun sich plötzlich ungeahnte Siegesschancen auf. Deswegen reibt sich auch sein Trainer mit den Ludwig-Ehrhard-Gesichtszügen erfreut die Hände.

Von Anfang an Verfall

Die Szene hat eine beeindruckende Dramatik. Sie war aber von Anfang an dem Verfall ausgesetzt. Vielleicht spielte auch das Material, Polyester, eine Rolle. 1992 wurde noch einmal restauriert, doch nun sehen die Fahrer wieder traurig aus. Bemooste oder mit Handzetteln beklebte Rücken, entstellte Gesichtszüge, blätternde Farbe.

Langsamer Verfall: das Video wurde bereits 2014 gedreht.

Keine dekorative Kunst

Die Vorgeschichte der Skulptur ist politisch. 1973 hatte die Bürgerschaft das Programm „Kunst im öffentlichen Raum“ beschlossen. Davon wollte auch die Uni im zweiten Bauabschnitt rund um den Sportturm profitieren. Das Universitätsbauamt lobte einen bundesweiten Wettbewerb aus. Eine eigens einberufene Planungsgruppe formulierte, die künstlerischen Maßnahmen sollten „mehr bewusstseinsbildend als kompensatorisch“ sein. „Dieses Bewusstsein bezieht sich auf die kritische Einschätzung der gesellschaftlichen Realität und die Veränderung dieser Realität im Interesse benachteiligter Gruppen.“ Es sollte also gesellschaftskritisch und nicht dekorativ zugehen. Im Universitätsarchiv finden Interessierte ein ganzes Konvolut von Akten, Protokollen und Briefen, die die schwierige Geburt der Radfahrergruppe erhellen. Ein Prozess, der von 1974 bis zur Einweihung 1978 dauerte. Beratergruppen diskutierten in vielen Sitzungen hin und her. Der Künstler musste seine Entwürfe immer wieder anpassen und ändern und zum Schluss auf einem öffentlichen Kolloquium vorstellen.

Zurück zum heimischen Basalt

Für Peter Mittler, den Bildhauer aus dem 8.000-Einwohnerort Mendig in der Eifel (nahe Koblenz), war die sozialkritische Plastik aus Polyester auch eher die Ausnahme. Der begeisterte Biker hatte zwar die Steinmetzwerkstatt seines Vaters übernommen, doch zunächst vorrangig martialische Motorradplastiken aus Einzelteilen zusammengeschweißt. Nebenbei jobbte er als Steinmetz und restaurierte Kirchen. Nach einem Studium an der Werkkunstschule Köln versuchte er sich in sozialkritischen Plastiken. Das kam Ende der 60er-Jahre gut an und machte ihn bekannt. Seine Bremer Radfahrergruppe wurde sogar im Centre Pompidou in Paris ausgestellt. Mittler verließ die politische Kunst schnell wieder. Er wendete sich dem heimischen Basalt der Eifel zu und haute Skulpturen in Stein. Am liebsten Drachen und Fabelwesen. Sein letztes Werk war die „Mogenia-Schutzengel der Motorradfahrer“. Die Einweihung, zu der Hunderte Biker kamen, erlebte er nicht mehr. Peter Mittler starb 2004 im Alter von 68 Jahren. Zur voraussichtlichen Haltbarkeit seiner Radfahrergruppe hatte er 1976 dem Universitätsbauamt geschrieben: „Vor mutwilligen Zerstörungen muss man eine Polyesterplastik nicht mehr als eine Marmorplastik schützen“. Wenn er sich da mal nicht geirrt hat.

Foto: Matej Meza / Universität Bremen

Kein Budget für den Erhalt

Was soll werden, fragt man sich angesichts der verbogenen Speichen, der zerschrammten Gliedmaßen und der fehlenden Hirne der Radfahrer. „Es gibt an der Universität kein besonderes Budget zur Erhaltung von Kunstwerken“, stellt Uni-Baudezernent, Hans-Joachim Orlok, klar. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass die Bauunterhaltungsmittel an der Universität in keiner Weise auskömmlich sind, müssten natürlich Prioritäten gesetzt werden. „Da geht, beispielhaft genannt, das Reparieren von Dächern oder die Instandsetzung von Lüftungsanlagen vor“, erläutert er. Sollte vom Zustand der Radfahrergruppe allerdings eine konkrete Verletzungsgefahr ausgehen, müsste sie abgebaut werden. Der Dezernent endet seine Erklärung philosophisch: „Stellt sich eh die Frage, ob es nicht auch Teil eines Kunstwerks sein kann, im Laufe der Zeit zu verfallen und dann einfach zu verschwinden?“

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