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„Wer das nicht sieht, der hat Kartoffelbrei auf den Augen“

Eine Bronzeskulptur des berühmten Bildhauers Waldemar Otto versteckt sich hinterm Sportturm

Der Bildhauer Waldemar Otto war einer der bedeutendsten deutschen Künstler. Vor wenigen Tagen ist er 91-jährig verstorben. Seine 750 Skulpturen sind in der ganzen Welt Hingucker und Kostbarkeiten im Stadtbild. Wenig bekannt ist, dass neben dem Neptunbrunnen auf dem Bremer Domshof auch auf dem Campus der Universität eines seiner Kunstwerke zu bewundern ist. Es steht ein bisschen versteckt und heißt „Massensport“.

Der Reporter nölt ins Mikrophon, die Zuschauer gestikulieren bewegt. Einer beugt sich weit vor, droht mit der Faust, ein anderer führt zum Trost die Bierflasche an die Lippen. Und wieder einer schlägt erschüttert die Hände vors Gesicht. Hinten recken zwei ein Transparent in die Höhe. Man hört förmlich das Gebrüll.

Dramatisches Geschehen in Bronze erstarrt

Seit 1979 geht es hinter dem Sportturm so dramatisch zu. Manche bemerken es freilich gar nicht. „Massensport“ heißt die Skulptur. Sie steht an der Treppe, die zu den Fußballfeldern führt. Genauer hinsehen lohnt sich. Erst einmal fällt auf, dass die emotional bewegte Menge aus neun teils überlebensgroßen Figuren besteht. Sie sind wie eine Scheibe aus einer Torte herausgeschnitten. Die abgeflachten Seiten der Großskulptur aus Bronze machen deutlich: Das ist nur ein Segment aus einem tobenden Kessel, einer voll besetzten Tribüne. Vielleicht bei einem Werder-Spiel? Mit diesem Kunstgriff gelang dem Bildhauer Waldemar Otto eine interessante Verfremdung, die den Betrachter innehalten lässt.

Die Großplastik „Massensport“ von Waldemar Otto steht seit Sommer 1979 hinter dem Sportturm der Universität Bremen.
® Harald Rehling / Universität Bremen

Eingangsbereich zum Campus

Wer mehr wissen will, muss ins Universitätsarchiv Bremen gehen. Dort findet man die Ausschreibung „Kunst im öffentlichen Raum des Sportbereichs der Uni Bremen“ von 1974. Es ging darum, die „Offenheit des Sportkomplexes“ mit der vielgenutzten „Eingangssituation zur Schwimmhalle“ und der „Nord- Süd-Diagonalverbindung zur Uni“ als „Platz mit inhaltlich hohem Freizeit- und Kommunikationswert“ künstlerisch zu gestalten. Ausdrücklich wird darauf verwiesen, dass es sich hier um einen zweiten Eingangsbereich zum Campus handelt – was man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die Anforderungen sind klar definiert. Kunst sollte nicht dekorieren, sondern problematisieren und Denkanstöße geben. „Die Universität als Stätte kritischer Bewusstseinsbildung“, heißt es da. Aus 50 eingereichten Arbeiten wählte die Jury fünf aus. Dann begann der damals an der Uni übliche basisdemokratische Diskussionsprozess (vier dicke Akten!).

Kritik an Kommerzialisierung des Sports

Waldemar Ottos Arbeit wurde von Anfang an positiv aufgenommen und machte schließlich das Rennen. Der Bildhauer war damals Professor an der Hochschule für Gestaltung Bremen (heute Hochschule für Künste HfK). Seine Tribüne von 1979 sollte die Kommerzialisierung des Sports kritisieren. Vier Jahrzehnte später sieht der Sportreporter angesichts der galoppierenden medialen Entwicklung recht unschuldig aus, wie er da so hockt und ins Mikro röhrt.

Fast vier Jahrzehnte später sieht der Sportreporter eher unschuldig aus…
© Harald Rehling / Universität Bremen

Besuch in Worpswede

„Es ist ganz klar ein medienkritisches Objekt“, sagte Waldemar Otto, der in Worpswede lebte und arbeitete, als wir ihn vor vier Jahren besuchten, um mit ihm über sein Werk auf dem Campus zu reden. „Wer das nicht sieht, der hat Kartoffelbrei auf den Augen!“, scherzte der damals 87-Jährige. Witz und Angriffslust waren sein Markenzeichen. „Künstler begreifen verschiedene Dinge ein bisschen schneller als der Rest der Welt“, sagte er mit Schalk im Gesicht. Und er zeigte eine Überraschung: In einer Ecke seines Atelierhauses am Weyerberg stand das Duplikat des Campuskunstwerks aus weißem Polyester. Schon leicht bemoost, hatte es dennoch dem Zahn der Zeit getrotzt. Waldemar Otto ist gestorben, seine Kunstwerke aber bleiben. Tipp: Wenn der Campus wieder geöffnet ist, lohnt sich ein Abstecher zum „Massensport“ aus Bronze.

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