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Erklär mal, Prof: Der Basso continuo

Wieso, weshalb, warum? In "Erklär mal, Prof" verraten euch Bremer Forschende, warum die Dinge so sind wie sie sind. Diesmal: Der Basso continuo.

Im Theater Bremen hatte Alcina, Händels „Dramma per musica“, erst kürzlich umjubelte Aufführungen. Die Barockmusik beschwingt, lässt das Herz hüpfen, die Stimmung nach oben schnellen. Wie das Georg Friedrich Händel Anfang des 18. Jahrhunderts gelungen ist? Eine nicht unwesentliche Rolle soll ja der Basso continuo dabei spielen. Doch, was ist das? Ein besonderes Instrument? Ein übergroßer Kontrabass? Gehen wir doch mal ins Institut für Musikwissenschaft in den vierten Stock des GW2 und fragen nach.

Professor Ulrich Tadday ruft sogleich zum Einhören auf seinem Laptop die Verzweiflungsarie „Ombre Pallide“ auf. In „bleiche Schatten“ beklagt die Zauberin Alcina ihre Niederlage. Sie hat sich verliebt und ihre magische Kraft verloren. Die Musik erfüllt den Raum, macht den Innenhof des GW2 geradezu unwirklich. Die Musik, so Tadday, habe eine feste Struktur. „Der Basso continuo oder auch Generalbass ist das Fundament, auf dem die gesamte Komposition basiert“, sagt der Musikwissenschaftler. „Sie ist die Stimme, die die Musik insgesamt generiert.“ Die Epoche des Barock werde deshalb auch „Generalbasszeitalter“ genannt.

Ulrich Tadday
Der Musikwissenschaftler Professor Ulrich Tadday ist der Experte, der den Basso continuo verständlich erklären kann.
Foto: Harald Rehling / Universität Bremen

Musikalisches Steno

Auf den Notenlinien ist das sehr schön zu sehen. 1. Violine, 2. Violine, Bratsche, Stimme der Sängerin und ganz unten das Cembalo. „Fällt Ihnen was auf?“, fragt der Wissenschaftler listig. In der Tat hat das Cembalo nur die Noten für die linke Hand. Was ist mit der rechten? Bei genauem Hinsehen tauchen Ziffern auf: 7,6,5. „Das ist musikalisches Steno“, sagt Professor Tadday. Da ist er, der Generalbass, also der fortlaufende Bass. „Das ist nur der Rohbau.“ Es oblag den Musizierenden an den aristokratischen Höfen und Bürgerhäusern, über diesen Bass die anderen Stimmen mit Verzierungen, Zwischenstimmen und Trillern auszuschmücken. „Sozusagen das Fleisch zum Knochen dazuzugeben.“ Die skizzierte Komposition musste verlebendigt werden, so der Experte. Angesichts der Noten und Ziffern scheint das dem unkundigen Betrachter eine schier unlösbare Aufgabe. Es ging dabei um Geschmack, mit dem der Generalbass als DNA der gesamten Komposition entfaltet wurde, so Tadday. „Dieses musikalische Denken setzt um 1600 mit Erfindung der Oper ein“, erläutert er.

Struktur für die Harmonie

Was war vorher und was kam nachher? Wieder ist ein musikalisches Beispiel zur Hand. Eine Motette aus dem 12. Jahrhundert. Polyphone Musik. „Klingt fast wie neue Musik“, sagt Professor Tadday. „Nicht Harmonie der Stimmen, sondern Note gegen Note, Kontrapunktik.“ Alle Stimmen sind in dem Musikstück gleichberechtigt. Nun wird der Unterschied zum Generalbass erst so richtig deutlich. Die homophone Musik, beginnend im 16. Jahrhundert, ist in Ausdruck und Schwerkraft stark auf den fortlaufenden Bass bezogen. Er grundiert die Harmonie. „In der Bachzeit hatte der Generalbass seinen Höhepunkt, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nimmt das wieder ab“, sagt der Experte. Haydn und Mozart komponierten nicht mehr so, sie formulierten die einzelnen Stimmen stärker aus und gewichteten sie anders.

Cembalo und Laute stützen

Wäre ja alles geklärt, doch halt: Welche Instrumente waren denn für den Generalbass zuständig? „Vorrangig das Cembalo“, sagt Professor Tadday. Aber auch die Laute, zum Beispiel eine Theorbe, wurde gern als „Stützinstrument“ für den Generalbass eingesetzt. Letztere übrigens im Orchester des Theaters Bremen zu sehen. Mit so viel Wissen gestärkt, macht die Aufführung der Alcina gleich noch mehr Freude. Von Januar bis März steht die Oper wieder auf dem Spielplan des Theater Bremen. Danke, Professor Tadday.

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