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Führend in der Digitalisierung von Forschungsdaten

Die Universität Bremen war vor knapp 30 Jahren sehr vorausschauend: Bereits in den 1990er-Jahren legte sie für Forschungsdaten erste digitale Archive an

Das Thema Digitalisierung spielt in der Forschung eine wichtige Rolle: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sammeln riesige Datenmengen, die meist sehr komplex und umfangreich sind. Diese zu archivieren und für andere Forschende zugänglich zu machen ist von großer Bedeutung. Möglich ist das durch die Digitalisierung.

Zwei Beispiele: Im Jahr 1988 startete der erste sozialwissenschaftliche Sonderforschungsbereich (SFB) „Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf” der Universität Bremen. Die Beteiligten begannen bereits in den 1990er-Jahren ein digitales Archiv aufzubauen. „Dieser SFB war für mich auch deshalb immer ein wichtiger Bezugspunkt für meine Forschungen“, sagt Professorin Betina Hollstein, die damals an der Freien Universität Berlin war. Im Jahr 2014 bekam sie einen Ruf an die Universität Bremen. Heute leitet Hollstein den Aufbau des digitalen Forschungsdatenzentrums Qualiservice am SOCIUM — Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität. Als „living archive“ unterstützt Qualiservice Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Projekten dabei, ihre Arbeit zu dokumentieren. Ziel ist es, die Forschungsdaten, die in den Projekten entstehen, für die Arbeit anderer Kolleginnen und Kollegen bereitzustellen.

„Die Universität Bremen war hier sehr vorausschauend, davon profitieren wir Forschenden heutzutage enorm.“

Besonders interessant ist, dass es damit zukünftig möglich wird, über lange Zeitspannen hinweg Themen aus der Sozialforschung zu untersuchen und zu vergleichen. Qualitative Forschungsmaterialien, die Qualiservice bereitstellt, dokumentieren beispielsweise Interviews oder Beobachtungen. Sie können in Schriftform als Protokoll oder Transkript vorliegen, aber auch als Audio-, Bild- oder Videodatei. Das Forschungsdatenzentrum ist bundesweit einmalig und soll eine zentrale Anlaufstelle für alle Forschenden in Deutschland werden, wenn es um Daten zur qualitativen Forschung geht. Dabei arbeitet Qualiservice eng mit der Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) sowie dem international renommierten Informationssystem PANGAEA zusammen. „Die Universität Bremen war hier sehr vorausschauend, davon profitieren wir Forschenden heutzutage enorm“, sagt Hollstein anerkennend.

PANGAEA — „Data Publisher for Earth and Environmental Science“ — wurde ebenfalls bereits Anfang der 1990er- Jahre von Forschenden am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz- Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) entwickelt. Bis heute wird es gemeinschaftlich mit dem MARUM — Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen betrieben. Heute ist PANGAEA eine der weltweit führenden Einrichtungen, in der Daten aus den Erd- und Umweltwissenschaften archiviert und publiziert werden. Darüber hinaus ist es ein zertifiziertes World Data Center, welches Daten von Tausenden von wissenschaftlichen Projekten gesammelt hat.

Michael Diepenbroek & Frank Oliver Gloeckner
Der langjährige Leiter von PANGAEA, Dr. Michael Diepenbroek, (links) und sein Nachfolger Professor Frank Oliver Glöckner.
© Privat

„Zum jetzigen Zeitpunkt können über die Webseite fast 400.000 Datensätze gefunden, heruntergeladen und für weiterführende Arbeiten genutzt werden. Und dabei beschränken sich die Aufgaben von PANGAEA nicht nur auf das Aufbewahren von Daten“, sagt der Leiter Dr. Michael Diepenbroek. Unter seiner Führung hat PANGAEA in den vergangenen 25 Jahren maßgeblich die Entwicklung von Forschungsdateninfrastrukturen vorangetrieben. Aktuell findet in PANGAEA ein Generationenwechsel statt, da Diepenbroek Ende 2020 in den Ruhestand geht. Professor Frank Oliver Glöckner wird sein Nachfolger. Er wurde vor kurzem als Gesamtleiter von PANGAEA an der Universität Bremen und dem AWI berufen. „Ich bin dankbar, dass Michael Diepenbroek das Team nach wie vor mit kreativen Ideen zur Weiterentwicklung auf nationaler und internationaler Ebene bereichert“, sagt Glöckner.

Mit ihrer Expertise für Forschungsdatenbanken sind die Bremer auch deutschlandweit gefragt: So übernimmt das MARUM eine wichtige Rolle beim Aufbaus der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). Diese stellt perspektivisch die Basis des Forschungsdatenmanagements in Deutschland dar. Ziel des Aufbaus der NFDI ist es, Datenbestände von Wissenschaft und Forschung systematisch zu erschließen, nachhaltig zu sichern und zugänglich zu machen sowie weltweit zu vernetzen. Diese Infrastruktur besteht aus verschiedenen spezialisierten Knotenpunkten — einzelnen Konsortien. Das Konsortium NFDI4BioDiversity wird am MARUM koordiniert. Sprecher ist Glöckner und Co-Sprecher Diepenbroek.

„In Zeiten, in denen eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind, ist der Zugang zu umfangreichen, qualitätsgesicherten Forschungsdaten entscheidend für die jetzt anstehenden Entscheidungen in Politik und Gesellschaft.“

Hinter Biodiversität verbirgt sich allerdings mehr als „nur“ die Vielfalt der Arten. Biodiversität umfasst hier auch die genetische Vielfalt, die funktionelle Vielfalt, die Interaktionen und die Vielfalt ganzer Ökosysteme. „In Zeiten, in denen eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind, ist der Zugang zu umfangreichen, qualitätsgesicherten Forschungsdaten entscheidend für die jetzt anstehenden Entscheidungen in Politik und Gesellschaft“, sagt Glöckner. „Zusammen mit den drei ebenfalls erfolgreichen Konsortien mit Bremer Beteiligung in den Gesundheits-, Ingenieur- und Sozialwissenschaften ist Bremen auf dem Weg ein nationales und internationales Kompetenzzentrum im Bereich Forschungsdatenmanagement zu werden.“

Mehr Informationen

Forschungsdatenbank PANGAEA

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