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Barrierefreies Studium während der Pandemie

Im Interview erzählt Dr. Ingrid Zondervan von den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Barrierefreiheit bei Prüfungen und der digitalen Lehre sowie von einem Thema, das uns noch länger begleiten wird: Long-COVID.

Die Minuten scheinen schneller als sonst zu laufen. Langsam steigt in Nina Panik auf. Während der Onlineklausur merkt sie, dass sie die Aufgabe in der vom Prüfungssystem eingeteilten Zeit nicht schafft. Denn Nina ist motorisch eingeschränkt und braucht länger zum Tippen ihrer Antwort als ihre Mitstudierenden. Obwohl sie sich gut vorbereitet hat, weiß sie, dass nun ihre Note schlechter ausfallen oder sie die Prüfung nicht bestehen wird.

Nina und das Szenario sind fiktiv. Dennoch erging es vielen Studierenden mit einer Beeinträchtigung so oder so ähnlich als wegen der Pandemie auf digitale Prüfungen umgestellt werden musste. Dr. Ingrid Zondervan von der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung (KIS) der Universität Bremen kann in solchen Fällen beraten.

Frau Zondervan, vor allem während der Pandemie sind digitale Prüfungsformate ein großes Thema. Welche Hürden haben sich da für Studierende mit Beeinträchtigung ergeben?

Viele der Probleme sind ähnlich wie auch vor der Pandemie: Deadlines für Hausarbeiten können aufgrund einer Beeinträchtigung nicht eingehalten oder Prüfungen nicht in der vorgesehenen Form geschrieben werden. Hinzugekommen ist die Unsicherheit, weil in der Pandemie schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen und je nach Pandemielage zum Beispiel kurzfristig von Präsenz- auf Onlineprüfung umgestiegen wird. Das verlangte Flexibilität von den Studierenden. Menschen mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung brauchen dagegen oftmals Vorlauf, um sich auf neue Situationen einzustellen. Bei Onlineprüfungsformaten war zu Beginn vor allem das Problem, dass von einem Standard-Studierenden ausgegangen wurde, weil es eine schnelle Lösung brauchte. Erst im Laufe der Zeit wurden dann Stolpersteine für Menschen mit Beeinträchtigung deutlich, dass beispielsweise die vorgegebene Zeit für eine Aufgabe zu knapp ist, wenn jemand mit einer Sehbehinderung ein Ausleseprogramm braucht. Wenn diese Stolperfallen erstmal bekannt sind, arbeitet aus meiner Erfahrung das Zentrum für Multimedia in der Lehre aber auch schnell nach.

Was können Studierende, die von einer Beeinträchtigung betroffen sind, in Prüfungssituationen tun, wenn sie nicht weiterkommen?

Ich rate immer, die Prüfung abzubrechen, wenn es nicht machbar ist. In den vorherigen Semestern wurden die Prüfungsversuche nicht gezählt. Sobald mit einer schlechten Note bestanden wurde, kann die Prüfung nicht mehr wiederholt werden. Ansonsten ist in solchen Fällen mit Vorlauf ein Nachteilsausgleich möglich. Bei kurzfristigen Änderungen der Prüfungsform wird das aber zum Problem, denn der Nachteilsausgleichsantrag muss spätestens bei der Anmeldung zur Prüfung gestellt werden. Studierende können natürlich bei pandemiebedingten, kurzfristigen Änderungen der Prüfungsform das Gespräch mit ihren Lehrenden suchen und meistens wird dann eine gute Lösung gefunden. Aus den Beratungen weiß ich aber, dass viele Hemmungen haben, denn Behinderungen oder chronische Erkrankungen sind immer noch schambehaftet. Deshalb sollte möglichst ein Antrag auf Nachteilsausgleich gestellt werden, womit unnötige Gespräche mit einzelnen Lehrenden vermieden werden können. Der Nachteilsausgleich sorgt dafür, dass für Lehrende und Studierende ein rechtlich verbindlicher Rahmen geschaffen wird. Was die Maßnahmen angeht, gibt es keine Pauschallösungen, weil jeder Fall unterschiedlich ist. Dazu berate ich gerne.

Gibt es auch positive Auswirkungen der Onlinelehre bzw. hybriden Lehre?

Die Pandemie hat in einigen Aspekten auch Riesenvorteile ergeben. Menschen, die beispielsweise unter einem schwachen Immunsystem oder einer psychischen Erkrankung wie Sozialängsten leiden, fühlen sich vor dem Laptop in ihrer gewohnten Umgebung oft sicherer und wohler. Besonders die Digitalisierung von Lerninhalten hilft zum Beispiel Menschen mit einer Mobilitätseinschränkung oder Studierenden mit Sehbehinderung, die sich die Vorlesungen per Video später, beispielsweise mit einem Hilfsprogramm, mehrfach anschauen können. Jede Studierende und jeder Studierender mit einer Beeinträchtigung macht da eigene Erfahrungen mit den Einschränkungen oder Freiheiten, die die Pandemie mit sich bringt.

Eine chronische Erkrankung, die erst mit der Pandemie kam, ist Long-COVID – also die Langzeitauswirkung nach einer Erkrankung mit dem Coronavirus. Wie wird damit beim Studium umgegangen?

Wenn eine Diagnose mit Long-COVID gestellt wird und die Symptomatik das Studieren beeinträchtigt, kann auch dafür ein Nachteilsausgleich gestellt werden. Long-COVID fällt dann unter die chronischen Erkrankungen.

Welche nachhaltigen Veränderungen bezüglich barrierefreiem Lernen und Lehren erhoffen Sie sich auch nach der Pandemie?

Für viele Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung wäre eine Diversifizierung der Prüfungsformen sehr vorteilhaft. Wenn zum Beispiel Studierende an einer Prüfung flexibel sowohl online als auch in Präsenz teilnehmen könnten, würden viele Nachteilsausgleiche nicht mehr nötig sein. Ziel wäre es, dass verschiedene Prüfungsformen aktiv angeboten werden, statt sie auf Anfrage möglich zu machen. Das ist zugegeben manchmal erstmal aufwendiger, aber nicht unmöglich. Und wenn erstmal die Struktur dafür geschaffen wird, dann ist der Aufwand auch überschaubar.

Beratungs- und Informationsangebote für Studierende

Die Beratung der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung (KIS) ist kostenlos, vertraulich, unabhängig und kann auch anonym durchgeführt werden. Termine für eine Beratung können mit Dr. Ingrid Zondervan per E-Mail unter kis@uni-bremen.de oder Telefon unter 0421 218-61050 vereinbart werden.

Die Kritische Initiative für Vielfalt und Inklusion (kivi) von Studierenden bietet Informationen für Studierende mit Beeinträchtigung an und setzt sich für ein Barrierefreies Studium an der Uni ein. Terminanfragen oder Fragen können per E-Mail an kivi@uni-bremen.de gerichtet werden.

Beratung für eine barrierefreie Lehre

Das Team des Projekts „Barrierearmes Lernen und Lehren Online“ – kurz BALLON – bietet verschiedene Angebote an, um unter anderem Lehrende in der barrierefreien Gestaltung ihrer Lehre zu unterstützen, und gibt auf der Webseite Hinweise und Tipps für mehr Barrierefreiheit in der Lehre. Weitere Auskünfte und Fragen können unter ballon@uni-bremen.de gestellt werden. Mehr Informationen gibt es auf der Projektseite.

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