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„Den Preis anzunehmen, ist nicht leicht“

Zur Bedeutung des Friedensnobelpreises für die russische Menschenrechtsorganisation Memorial

Am 10. Dezember 2022 wird der belarussischen, russischen und ukrainischen Zivilgesellschaft der Friedensnobelpreis verliehen: Der belarussische Menschenrechtler Ales Bjaljazki, das ukrainische Zentrum für bürgerliche Freiheiten und die russische Menschenrechtsorganisationen Memorial zeigten, wie wichtig die Zivilgesellschaft für Frieden und Demokratie sei, so die Begründung des Nobelkomitees. Memorial steht in Russland seit Jahren unter Beschuss. Eine kleine Gruppe von Memorial-Mitgliedern hat in der Forschungsstelle Osteuropa (FSO) an der Uni Bremen Unterschlupf gefunden. up2date. sprach mit Archivar und Historiker Dr. Nikita Lomakin über den Friedensnobelpreis in Kriegszeiten.

„Es fühlt sich seltsam an, als Organisation den Friedensnobelpreis zu bekommen, während dein Land einen Angriffskrieg führt“, beschreibt Historiker Dr. Nikita Lomakin seine gemischten Gefühle. Er ist seit Mai in Bremen. Davor hat er als Archivar das Digitalisierungsprogramm Memorials geleitet. Als Lomakin vom Preis erfuhr, habe er zunächst nicht gewusst, was er davon halten solle. „Memorial hat das Ziel, die Verbrechen der Sowjetunion aufzuarbeiten, damit so etwas nicht wieder passiert. Dieses Ziel haben wir nicht erreicht.“ Es sei zwar „großartig, für eine Organisation zu arbeiten, die mit diesem wichtigen Preis ausgezeichnet wird“, gleichzeitig sei es aber nicht leicht, die Ehrung anzunehmen.

Vorbereitung für den „Tag X“

Den Nobelpreis versteht Lomakin weniger als Auszeichnung, sondern eher als Ansporn. Dass der Preis zu gleichen Teilen an drei zivilgesellschaftliche Organisationen in Belarus, Russland und der Ukraine vergeben wurde, hält er für klug. Ein starkes Zivilgesellschafts-Netzwerk sei die Grundlage für den „Tag X“, an dem der Krieg beendet sei und der gemeinsame Aufbau anfange.

Für die Arbeit von Memorial in Russland sei der Nobelpreis dagegen eher hinderlich, glaubt der Historiker. „In Russland sehen viele Menschen den Friedensnobelpreis kritisch.“ Die meisten stünden vergangenen bekannten Preisträgern wie dem Physiker und Dissidenten Andrei Sacharow (1975) – der Gründer Memorials – und dem Politiker und ehemaligen Staatsoberhaupt der Sowjetunion Michail Gorbatschow (1990) gleichgültig oder ablehnend gegenüber. „Der Preis könnte dazu führen, dass Memorial-Mitglieder noch stärker Angriffen ausgesetzt werden.“ Seit 2016 gilt Memorial als in Russland als „ausländischer Agent“, Ende 2021 verfügte ein russisches Gericht die Auflösung der Dachorganisation Memorial International. Am 7. Oktober, Wladimir Putins Geburtstag und der Tag, an dem die Nobelpreisträger bekannt gegeben wurden, entzogen russische Behörden der Organisation ihr Gebäude in Moskau. In Dr. Lomakins Augen war das Auflösen der Nichtregierungsorganisation Teil von Putins Kriegsvorbereitung. „Damit nahm er einem wichtigen Akteur potentieller Proteste die Stimme.“

Keine „Cancel Culture“

Was kann der Westen nun tun, um die Bürgerrechtsorganisation zu unterstützen? „Aus Russland geflohenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Perspektive geben. Es ist ganz wichtig, dass es Russen und Russinnen gegenüber keine ,Cancel Culture‘ gibt.“ Insgesamt haben eine kleine Gruppe von Memorial International Moskau, zwei Mitglieder aus Sankt Petersburg und zwei von Memorial Perm an der FSO Unterschlupf gefunden, wo sie ihre wissenschaftliche oder archivarische Tätigkeit für Memorial fortsetzen können. Ermöglicht wird dies dank der Hans Koschnick Sonderstipendien, der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und der US-Russia-Foundation.

Über Memorial

Memorial ist eine internationale Menschenrechtsorganisation, die in mehr als sieben Ländern aktiv ist. Sie entstand 1989 aus einer breiten Bürgerbewegung am Ende der Sowjetzeit während der Perestroika. Ziel dieser Bewegung war es, an die Opfer des kommunistischen Regimes zu erinnern. Schwerpunkte heute sind die historische Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft, die Einhaltung der Menschenrechte anzumahnen und Verstöße gegen sie zu dokumentieren sowie die soziale Fürsorge für die Überlebenden des sowjetischen Arbeitslagersystems (GULag).

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