up2date. Das Onlinemagazin der Universtiät Bremen

„rent a teacherman ist ein wichtiger Teil von Diversity-Pädagogik“

Mehr männliche Lehrkräfte in Grundschulen: Wie Dr. Christoph Fantini durch ein Schlüsselerlebnis mit dem Projekt begann.

Eine schönere Würdigung könnte es zum zehnjährigen Bestehen kaum geben: „rent a teacherman“ hat den Bremer Diversity Preis „Der Bunte Schlüssel – Vielfalt gestalten!“ erhalten. Das Projekt von Dr. Christoph Fantini (Universität Bremen) und der Senatorin für Kinder und Bildung vermittelt Lehramtsstudenten: Sie kommen an Grundschulen, in denen es keine oder nur einzelne männliche Lehrkräfte gibt. Was ist der Sinn dieses Projekts und wie kam es dazu? Ein Interview mit dem Projektleiter.

Herr Fantini, wie kam es zu dem Projekt „rent a teacherman“?

Christoph Fantini: Da gab es eine sehr spannende Schlüsselszene. Ich saß in einem Seminar, in der eine Arbeitsgruppe das Thema Sexualunterricht in Grundschulen vertiefte. Ein Student erzählte von seinem sechswöchigen Orientierungspraktikum, das er in einer niedersächsischen Grundschule gemacht hatte. Dort gab es keine einzige männliche Lehrkraft. Nach drei Wochen hat ihn die Schulleiterin gebeten, bei dem Sexualkundeprojekt der Schule einzusteigen. Sie hatten im Rahmen des Projekts einen Fragekasten aufgestellt. Die Kinder durften anonym ihre Fragen einwerfen, was sie gerne zum Thema Sexualität wissen wollten. Die Schulleiterin war so sensibel, dass sie gemerkt hatte, dass es gut wäre, wenn ein Mann bestimmte Fragen beantworten könnte. Das hat der Student dann übernommen. Er war schon ein bisschen älter, hatte vorher eine Ausbildung beendet, dann noch studiert und machte einen guten Eindruck. Nachdem es in der ersten 4. Klasse gut gelaufen war, war er in allen 4. Klassen unterwegs. Von diesen Erfahrungen berichtete er in unserem Seminar. Ich war total begeistert von dieser Idee. Auch davon, dass die Schulleiterin dieses Gefühl hatte, es zu nutzen, dass gerade eine männliche Lehrkraft da war beziehungsweise ein Praktikant.

Wie ging es weiter?

Nach diesem Bericht bin ich auf dem Uni-Campus vom Seminarraum im Gebäude SFG zu meinem Büro ins GW2 gelaufen. Auf dem Weg habe ich sozusagen „rent a teacherman“ erfunden. Ich dachte: Es darf nicht wahr sein, dass in den vielen Grundschulen ohne männliche Lehrkräfte quasi in jedem 4. Jahrgang womöglich um die fünfzig oder hundert Jungs sind, die mit ihren Fragen alleine bleiben. Oder nur medial womöglich irgendeinen Unsinn erzählt bekommen. Ich habe ja mit vielen Studenten zu tun und dachte mir: Warum spreche ich die nicht mal an, ob sie sich das vorstellen können, in diesen Schulen einzusteigen? Parallel sprach ich – über die Behörde – die Schulleitungen von diesen Schulen an, ob sie sich vorstellen könnten, solche Honorarkräfte einzustellen. Und zuletzt fragte ich bei der damaligen Senatorin an, wie es mit Geld aussieht.

Waren Sie erfolgreich, konnte das Projekt dann beginnen?

Erst nur zögerlich. Vor allem das Anwerben von Studenten ging nicht sofort als ein „Run“ los. Aber ich hatte dann zwei, drei. Zur ersten Schulleiterinnenkonferenz kamen, glaube ich, acht Schulleiterinnen. Auch das war zum Teil noch verhalten. Manche waren sofort begeistert. Eine Schulleiterin aber sagte: „Ich weiß nicht, ob ich ihre Männer brauche, Herr Fantini. Wenn sie unseren letzten Referendar gesehen hätten, dann wüssten Sie, warum wir seit mehreren Jahren keinen männlichen Mitarbeiter haben“. Da dachte ich: „Wow, das ist eine mutige Ansage“.

„Ich hätte nie erwartet, dass das Projekt so einschlägt.“

Jetzt sind zehn Jahre vergangen. Wie ist der Stand heute?

Rein numerisch ist interessant, dass zum Start des Projekts nachweislich 19 Grundschulen in Bremen ohne eine einzige männliche Lehrkraft waren – von etwas mehr als 70. Heute sind es nur noch neun von knapp 80 Grundschulen. Da hat sich also eine Menge getan. Ich hätte nie erwartet, dass das so einschlägt. Auch die Zahl der Teachermen ist über die Jahre gestiegen. Insgesamt sind aktuell 20 in ganz Bremen im Einsatz. Vorbereitet und begleitet werden sie für ihre Arbeit durch erziehungswissenschaftliche Veranstaltungen der Universität Bremen, ab dem kommenden Schuljahr zudem noch durch professionelle Supervision.

Gibt es Begleitforschungen zum Projekt?

Selbstverständlich. Wir haben immer wieder von mir betreute studentische Abschlussarbeiten. Sie sind vor allem, aber nicht nur, von Projektmitarbeitern. Und es entstehen eigene Studien, die sich in Fachzeitschriften und erziehungswissenschaftlichen Sammelwerken als Publikationen niederschlagen. Es hat sich herausgestellt: Unser optimaler Feldzugang durch die konkrete Projektmitarbeit in den Schulen vor Ort bildet eine Basis für qualitative, genderbezogene Forschung, die in einer vergleichbaren Tiefendimension sonst kaum herstellbar ist. Deswegen liefern einige der Ergebnisse auch völlig neue Erkenntnismöglichkeiten für die Weiterentwicklung gendersensibler Pädagogik, die so im einschlägigen Diskurs noch gar nicht auftauchten.

Warum ist das Projekt so erfolgreich?

Einer der wichtigen Aspekte ist: Die Schulleiterinnen, die Teachermen hatten, haben diese quasi festgehalten. Es gibt mehrere ehemalige Teachermen, die jetzt genau in dieser Schule nach ihrem Referendariat als fest eingestellte Lehrkraft arbeiten. Zudem hat sich bei den Schulleiterinnen das Bewusstsein entwickelt, dass es ein wichtiger Teil von Diversity-Pädagogik ist.

Was meinen Sie damit genau?

Sich darum zu kümmern, welchen Pool von Lehrkräften man anbietet. Nicht nur zu gucken, ob eine Bewerberin als Examensnote eine 1,3 und der Bewerber eine 2 hat. Wichtig ist auch zu schauen, wie ich als Schulleitung Vielfalt in mein Personal bekomme. Ich glaube, da hat sich im Bewusstsein was verändert und das ist sehr wertvoll.

„Wir bräuchten im Grundschulbereich mindestens 25 Prozent Neueinsteiger.“

Wie geht es weiter – gibt es neue Perspektiven?

Ja, verschiedene. Im Herbst 2021 hat uns die Bildungsbehörde angesprochen, ob wir nicht auch auf Oberschulen erweitern wollen, also expandieren. Ich habe sofort zugesagt. Jetzt sind schon in sechs Bremer Oberschulen Mitarbeiter von „rent a teacherman“. Eine Hoffnung wäre, dass wir aus diesem Projektcharakter rauskommen und sich das verstetigt. Ein weiterer Wunsch wäre, dass man sich das Ganze doch noch ganzheitlicher anschaut. „rent a teacherman” hat immer noch ein bisschen Feuerwehrcharakter. Da ist eine Schule, wo was passieren sollte, wo meinetwegen keine einzige männliche Lehrkraft ist. Da schicken wir jemanden hin und damit ist das für den Moment geändert. Aber grundsätzlich kann man in diesem Themenkomplex natürlich nur was ändern, wenn es noch mehr junge Männer gibt, die Grundschullehramt oder überhaupt Lehramt studieren wollen. Das geht in der Grundschule langsam ein bisschen aufwärts. Zu Projektbeginn waren es rund 17 Prozent Männer der neu einsteigenden Grundschullehramtsstudierenden in Bremen. Danach gab es ein paar Jahre, wo es deutlich über 20 Prozent waren. Das schwankt immer ein bisschen. Man weiß nie so genau, was da die Effekte sind, aber insgesamt ist eine leichte Steigerung zu sehen. Aber die reicht eigentlich nicht aus. Wir bräuchten im Grundschulbereich mindestens 25 Prozent Neueinsteiger, die dann später in den Schulen arbeiten würden.

Weitere Informationen

Anlässlich der Preisverleihung wurde ein Video über das Projekt gedreht. Hier kannst du es sehen: www.bildung.bremen.de

Lies die Pressemitteilung zur Preisverleihung.

Hier kommst du zur Website von „rent a teacherman“: www.maenner-in-die-grundschule.de

zurück back


Auch interessant…

Universität Bremen