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Kennt ihr schon… die Bilderbuchbibliothek?

Im GW2 befindet sich ein besonderer Bücherschatz: Rund 2000 Bilderbücher sind im Institut für Bilderbuchforschung zu finden

Forschung / Campusleben

Kaum ein Kind kennt sie nicht: Die Schneekönigin, die Prinzessin auf der Erbse oder das hässliche Entlein. Erdacht und erzählt wurden diese und andere Geschichten von Hans Christian Andersen. Am 2. April, dem Geburtstag des dänischen Autors, findet der internationale Kinderbuchtag statt. Zu diesem Anlass sprach up2date. mit Dr. Elisabeth Hollerweger, Leiterin der Bilderbuchbibliothek, über Trends auf dem Bilderbuchmarkt, über die didaktische Arbeit von Bremer Lehramtsstudierenden und über die Tätigkeitsfelder des Bremer Instituts für Bilderbuchforschung (BIBf) der Universität Bremen.

Frau Hollerweger, warum hat die Universität Bremen eine Bilderbuchbibliothek?

Die Bilderbuchbibliothek ist das Herzstück des Bremer Instituts für Bilderbuchforschung, das zum Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften gehört. Dementsprechend befassen wir uns unter anderem im Rahmen der Ausbildung von Lehramtsstudierenden mit den vielfältigen Potenzialen von Bilderbüchern, was sich in unserer Forschung, unserer Lehre und unseren Transferaktivitäten niederschlägt. In der literaturwissenschaftlichen Forschung untersuchen wir beispielsweise, wie sich Bilderbücher, die darin verhandelten Themen und die damit verbundenen Darstellungsweisen im Laufe der Zeit verändert haben und welche Rückschlüsse sich daraus auf die Gesellschaft und das vorherrschende Kindheitsbild ziehen lassen. In der didaktischen Forschung nehmen wir hingegen die Rolle von Bilderbüchern bei der Sprach- und Leseförderung oder der literarischen Bildung in den Blick. Um aktuelle Bilderbücher in die Praxis zu bekommen, erstellen wir mit Studierenden in den Seminaren Materialen für Lehrkräfte und verringern dadurch die Barrieren, neuere Titel im Unterricht verwenden. Für Schulen, KiTas und Fortbildungseinrichtungen bieten wir außerdem zielgruppenorientierte Workshops an. Für all diese Tätigkeiten benötigen wir natürlich einen großen Fundus an Bilderbüchern, der stetig aktualisiert wird.

Außerdem sind wir ein Treffpunkt für alle, die sich mit Bilderbüchern befassen und sich dafür interessieren: Ob Studierende, „Vorleseomas und -opas“, die ehrenamtlich in KiTas vorlesen, oder Eltern – bei uns kann jede:r Bilderbücher ausleihen und sich darüber austauschen.

Welche Trends oder Bewegungen sind Ihnen in den letzten Jahren besonders aufgefallen?

Bilderbücher sind auch immer Spiegel gesellschaftlicher Strömungen. Deswegen ist es vor allem spannend, solche „Trends“ im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen zu beleuchten. Seit der erwiesenermaßen emotional belastenden Pandemie gibt es zum Beispiel zunehmend Bücher, die sich mit negativen Gefühlen und psychischen Beeinträchtigungen von Kindern beschäftigen. Tauchten Themen wie Depression bis dahin vor allem in Gestalt von depressiven Müttern und vereinzelt auch Vätern auf, gibt es nun viel mehr Werke, die die Psyche der Kinder in den Blick nehmen und dabei diffuses Unwohlsein in eindrückliche Bilder übersetzen.

Spätestens mit der Fridays for Future-Bewegung zeichnet sich auch der Trend ab, Themen der Nachhaltigkeit im Bilderbuch aufzugreifen. Die damit oft verbundene Inszenierung von Kindern als Weltretter:innen ist aber äußerst kritisch zu betrachten. Denn einerseits treten plakative Botschaften an die Stelle einer spannenden Geschichte und andererseits wird Kindern dabei eine Verantwortung zugeschrieben, die in keiner Relation zu ihren Möglichkeiten und Aufgaben in der Gesellschaft steht. Dass gut gemeint nicht gleich gut gemacht ist, zeigt sich an der Flut an schlechten Bilderbüchern zu Nachhaltigkeitsthemen besonders deutlich.

Man sieht einen Tisch von oben. Darauf liegen ein aufgeschlagenes Bilderbuch und kleine Behälter mit Buchstabennudeln, einem rötlichen Pulver und Schreibutensilien.
In der Bilderbuchbiliothek sind auch mehrsprachige Bilderbücher zu finden.
© Annemarie Popp / Universität Bremen

Wie gehen Sie mit solchen Beobachtungen und Erkenntnissen um?

Als erste Schockreaktion kontaktiere ich meistens die Verlage und versuche zu erläutern, was mir an dem jeweiligen Titel problematisch erscheint. Leider handeln die Verlage aber nach anderen Maßstäben als wir und produzieren, was sich verkauft. Und offenbar sind das eingängige Weltrettungsaufrufe. Allein das ist natürlich auch eine Beobachtung, die wir in der Forschung aufgreifen und in unserer Lehre kritisch diskutieren können. Wir versuchen also, aus der Not eine Tugend zu machen und Kompetenzen der Bilderbuchauswahl unserer Studierenden auch an solchen Worst-Case-Beispielen zu schulen.

In Ihrer Bibliothek decken sich Lehramtsstudierende mit Bilderbüchern ein, die sie dann mit einer Schulklasse bearbeiten. Wie unterstützen Sie sie dabei?

Die Bilderbuchbibliothek ist an ganz unterschiedliche Seminare angebunden, sodass die Studierenden im Laufe des Studiums ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten und didaktischen Konzepten für den Umgang mit Bilderbüchern kennenlernen. Diese werden dann in den Praxisphasen erprobt, allerdings schauen wir dann natürlich auch gemeinsam mit den Klassenteams, welche Werke geeignet sind. Einbezogen werden bei der Auswahl für den Unterrichtseinsatz sowohl die Interessen und Bedarfe der Kinder als auch die Bildungspläne. Gerade in einem inklusiven Schulsystem wie in Bremen ist es wichtig, dass mit Büchern gearbeitet wird, die auf mehreren Ebenen zugänglich gemacht werden können. Das beginnt schon bei der Buchbetrachtung, die mehrsinnliche, mehrsprachige und mediale Elemente enthalten kann und geht weiter in der Erarbeitung, für die kognitive wie kreative Aufgabenformate zur Auswahl gestellt werden. Während ein Kind also zum Beispiel Eigenschaften oder Gefühle einer Hauptfigur herausfindet, kann ein anderes Kind ein Bild der Hauptfigur malen oder eine Szene mit der Hauptfigur vertonen. So können alle Kinder der Klasse an dem Buch teilhaben, unabhängig von ihren individuellen Lernvoraussetzungen. Vor, während und nach der Praxisphase unterstützen wir die Studierenden und manchmal gehen aus diesen Praxisphasen auch Forschungsprojekte für die Abschlussarbeiten hervor.

Ein aufgeschlagenes Bilderbuch, auf dessen Seite ein 3D-Modell aus Papier aufgeklappt ist.
Manche Bücher bieten hübsche Überraschungen wie dieses 3D-Element, das Regenwolken und Niederschlag aus Papier darstellt.
© Annemarie Popp / Universität Bremen

Wie läuft die Forschung am BIBf?

Zum einen geht es darum, die Studierenden für die Bilderbuchforschung zu begeistern, was sich dann eben in besagten Abschlussarbeiten niederschlägt. Als Leiterin des Instituts ist es mir auch besonders wichtig, dass herausragende Arbeiten von Studierenden nicht bei mir in der Schublade landen, sondern sichtbar werden. Deswegen bemühe ich mich auch darum, dass Ergebnisse in Fachzeitschriften Eingang finden. Zum anderen tragen aber natürlich auch Kolleg:innen aus unterschiedlichen Fachbereichen mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen zur Bilderbuchforschung bei und laufen idealerweise bei uns in der Bilderbuchbibliothek zusammen.

Welche Projekte sind neben der Forschung noch repräsentativ für die Arbeit des BIBF??

Wir vergeben jährlich den HUCKEPACK-Preis, mit dem wir Bilderbücher auszeichnen. Die Idee dazu entstand in der Zusammenarbeit meines Vorgängers Jochen Hering mit dem Projekt „Vorlesen in Familien“ der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar. Gemeinsam mit dem Wetzlarer Team fragen wir uns jedes Jahr im Rahmen mehrerer Jurysitzungen: Wie, wer und von wem wird in der Geschichte sprichwörtlich Huckepack genommen? Inwiefern kann die Geschichte selbst Huckepack nehmen? Inzwischen ist der Preis so bekannt, dass das Logo auch in Verlagskatalogen abgebildet wird. Während der deutsche Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch vor allem innovative Erzählformen auszeichnet, stehen beim HUCKEPACK-Preis die Rezipient:innen im Fokus. Huckepackpotenzial können auch und gerade die Bücher aufweisen, die im Buchhandel aufgrund schwieriger Themen oder unkonventioneller Darstellungsweisen untergehen. So haben wir zum Beispiel einmal ein Buch prämiert, in dem es um häusliche Gewalt ging. Dafür gibt es natürlich erstmal keine Zielgruppe. Der Klett-Verlag, der zu den engagiertesten der Branche gehört, hat damals sogar einen Aufruf beziehungsweise Notruf bei Facebook gestartet, weil sich das Buch nicht verkauft hat. Durch die Auszeichnung sind die Verkaufszahlen angestiegen. Mit dem Preis können wir also besondere Bücher sichtbarer machen, die im Buchhandel vielleicht sonst eher untergehen. Dieses Ziel verfolgen wir darüber hinaus auch mit unserem Podcast Bremer Bilderbuch-Gespräche, in dem wir analytische und didaktische Perspektiven verbinden und auch schon mehrere Akteur:innen der Bilderbuchszene wie Bilderbuchkünstler:innen, Verlagsvertreter:innen, Forscher:innen etc. zu Gast hatten.

Außerdem kooperieren wir mit der Literarischen Woche der Stadtbibliothek, die immer im Januar stattfindet und laden in diesem Rahmen Bilderbuchkünstler:innen nach Bremen ein.

Blick über Elisabeth Hollerwegers Schulter, während sie in einem Bilderbuch blättert. Vor ihr liegen weitere Bilderbücher auf dem Tisch.
Besondere Bilderbücher werden mit dem HUCKEPACK-Preis prämiert, der jedes Jahr gemeinsam mit der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar vergeben wird.
© Annemarie Popp / Universität Bremen

Weitere Informationen

Mehr Informationen über das Bremer Institut für Bilderbuchforschung (BIBf) und seine Bilderbuchbibliothek gibt es auf der Website.

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