Pflanzen und Poesie

Die Professorinnen Rita Groß-Hardt und Karen Struve erzählen, wie sie ihre Forschung in die Gesellschaft tragen

Forschung / Uni & Gesellschaft

Die Arbeitsfelder von Karen Struve und Rita Groß-Hardt könnten unterschiedlicher kaum sein – und doch eint sie etwas Entscheidendes: Sie haben sich und andere für Transfer begeistert. Wir haben die beiden Wissenschaftlerinnen gefragt: Wie sind Sie so transfer-aktiv geworden?

Rita Groß-Hardt: Erkenntnisse müssen auf dem Acker landen

„Als Grundlagenwissenschaftlerin ging es mir anfangs vor allem darum, Erkenntnisse zu gewinnen – zunächst allein für die Wissenschaft. Anwendung war für mich kaum Thema. Doch dann machten wir eine Entdeckung mit Potenzial weit über unser Labor hinaus: Unsere Forschung zur pflanzlichen Reproduktion zeigte, dass Pflanzen drei Eltern haben können – eine Mutter und zwei Väter. Diese Erkenntnis eröffnet völlig neue Wege in der Pflanzenzucht.

Zunächst wollten wir unsere Ergebnisse gemeinsam mit einem Unternehmen weiterentwickeln – vor allem, weil uns im akademischen Umfeld die Infrastruktur für groß angelegte Versuche mit Nutzpflanzen fehlte. Es ging uns nicht um Gründung, sondern um Kooperation. Doch mit der Zeit wurde klar: Wenn wir möchten, dass unsere Erkenntnisse wirklich auf dem Acker landen – also „Science to Soil“ –, dann müssen wir selbst unternehmerisch denken und handeln lernen. Das war ein großer Schritt. Grundlagenwissenschaftler:innen fremdeln oft mit Business Development oder Marktanwendung. Zudem fehlte uns schlicht die Expertise, um diesen Weg professionell zu gehen. Genau hier kam die EU mit dem „EIC Transition-Programm“ ins Spiel. Der EIC nimmt Forschende gewissermaßen an die Hand und begleitet sie durch den Prozess: mit Coachings zu Geschäftsmodellen, Technologietransfer und Kommunikation. Diese Maßnahmen haben unsere Haltung und Perspektive auf unsere Arbeit stark verändert.

„Transfer kostet Zeit, fordert manchmal Mut und kann Unsicherheit mit sich bringen. Aber er ist auch eine Chance.“ Rita Groß-Hardt

Wir sind diesen Weg als Team gegangen – und schnell wurde klar, dass Saurabh Joshi mit unternehmerischem Gespür und Führungskompetenz genau die richtige Person ist, um diesen Prozess zu leiten.

Was mir bei Transferaktivitäten wichtig erscheint: Man sollte sich über die eigenen Motive im Klaren sein. Geht es um Sichtbarkeit? Gesellschaftlichen Impact? Drittmittel? Kommerzialisierung? Alles hat seine Berechtigung – aber wenn man sich seiner Beweggründe bewusst ist und die auch offen kommuniziert, ist man mehr in der eigenen Kraft und handelt glaubwürdig.

Für mein Team und mich ist es enorm bestärkend zu sehen, dass unsere Forschung eine starke Anwendungsrelevanz hat – zum Beispiel, wenn uns ein großer Züchter ein Foto von einem Feld in Italien schickt, auf dem im Rahmen eines Pilotprojekts Zuckerrüben mit drei Eltern hergestellt werden.“

Karen Struve: Wert liegt in der Resonanz

„Die Idee von Transfer gehörte stets zu meinem Selbstverständnis als Forscherin. Von Beginn an wollte ich meine Arbeit und vor allem ihre Relevanz so erklären können, dass mich auch jemand auf der Straße versteht.

Um in die praktische Umsetzung zu kommen, hilft es mir, Transfer nicht als Anhängsel zu betrachten, sondern mit Lehre und Forschung zu koppeln. Dann wird er eine echte Bereicherung, keine Belastung. Wenn ich etwa ein Seminar zum „Meer in der französischen Literatur“ anbiete und mit Studierenden eine Lesung auf einem Schiff auf der Weser organisiere, ergänzt sich das wunderbar.

In den Sprach- und Literaturwissenschaften nehme ich allerdings noch immer Berührungsängste wahr, wenn es um Transferaktivitäten geht. Das liegt auch daran, dass der Begriff „Transfer“ noch immer – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universität – vor allem mit technischen Innovationen, Start-ups und Patenten assoziiert wird. Kaum jemand denkt an Podiumsdiskussionen, Lesungen oder kulturelle Kooperationen. Leider! Denn genau dort entsteht das, was ich unter Transfer verstehe: wertvolle Begegnungen zwischen Wissenschaft und Stadtgesellschaft – als Austausch, der in beide Richtungen wirkt. Ich bin deshalb überzeugt: Ausstellungen, Internetprojekte und Schulkooperationen sind ebenso wertvolle Formen des Wissenstransfers.

„Transfer braucht nicht nur Haltung – sondern auch institutionelle Wertschätzung. Ich habe das große Glück, an einer Universität zu forschen und zu lehren, die Transfer ernst nimmt.“ Karen Struve

In wissenschaftlichen Karrieren, das muss man allerdings auch wissen, ist Transfer bislang keine anerkannte Währung. Was für (junge) Wissenschaftler:innen zählt, sind Publikationen und Drittmittel. Daher verstehe ich Kolleg:innen, die Transferaktivitäten noch nicht im Blick haben. Wenn etwa eine Doktorandin zwischen einem Aufsatz und der Organisation einer Filmreihe wählen muss, geht der Aufsatz nachvollziehbarerweise vor.

Für mich persönlich liegt der Wert des Transfers in der Resonanz. Ich erlebe ihn als Raum, in dem ich mit sehr unterschiedlichen Menschen – jenseits von Wissenschaft und Universität – gemeinsam etwas gestalten kann. Diese Begegnungen sind unmittelbar, inspirierend und fordern heraus. „Ich möchte zeigen, welche beeindruckenden Literaturen und Medien uns hier an der Uni umtreiben und andersherum zuhören, was Menschen in Bremen mit diesen Texten und Filmen verbinden, welche großen und kleinen Fragen sie sich stellen. Diesen wechselseitigen Austausch empfinde ich als bereichernd für meine Forschung und als ein echtes Privileg.“

Transfermagazin der Universität Bremen

Dieser Artikel erschien erstmals 2025 im Transfermagazin der Universität Bremen, herausgegeben von UniTransfer – der Servicestelle für Transferaktivitäten. Das Magazin porträtiert Menschen, Projekte und Kooperationen, die zeigen, wie Forschung aus Bremen gesellschaftlich wirkt – weit über die Region hinaus.

Transfermagazin als PDF downloaden [6,6 MB]

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