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Corona als Forschungsthema

Die Pandemie ist für uns alle eine Herausforderung. Für die Wissenschaft bedeutet sie spannende Forschung.

Seit Anfang des Jahres hat die Pandemie alle Bereiche des Lebens fest im Griff. Auch an der Uni hat das Virus dazu geführt, dass ein normaler Lehr- und Forschungsbetrieb nicht möglich ist. Gleichzeitig haben sich in den vergangenen Monaten in vielen Bereichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Corona und den Folgen auseinandergesetzt. Hier einige Beispiele:

Ein Virusforscher der Universität Bremen im Dauereinsatz:

Professor Andreas Dotzauer leitet das Laboratorium für Virusforschung an der Universität Bremen. Der Virologe ist seit Monaten ein gefragter Gesprächspartner für Medien und Politik und erklärt immer wieder mit großer Expertise und Geduld der Öffentlichkeit, was die Wissenschaft über das Virus weiß, wie sich die Zahlen interpretieren lassen und was man als einzelner oder einzelne tun kann, um sich zu schützen. Dabei hält er mit seinen Einschätzungen auch nicht hinter dem Berg, wenn es zum Beispiel darum geht, ob er geplante Lockerungen angemessen findet. Diese wissenschaftliche Strenge ist es, die ihm hohe Glaubwürdigkeit verleiht. Er befasst sich derzeit intensiv mit den wissenschaftlichen Studien zu Corona.

Wie das Kompetenznetzwerk Public Health zu Covid-19 hilft, den Überblick zu behalten:

Unser Wissen über das Virus ist immer noch begrenzt. Gleichzeitig müssen Politikerinnen und Politiker wichtige Entscheidungen treffen, die uns alle betreffen. Ein Netzwerk aus rund 20 Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unter Beteiligung der Universität Bremen soll helfen, die Grundlagen dieser Entscheidungen zu verbessern. Einer der Gründer des Netzwerks ist Professor Ansgar Gerhardus vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen. „Uns war es wichtig, sehr schnell aktuelle und interdisziplinäre Expertise zu COVID-19 für die aktuelle Diskussion und Entscheidungsfindung zur Verfügung zu stellen. Dafür stellen wir in thematischen Arbeitsgruppen den besten Stand der Wissenschaft als kurz zusammengefasste Informationen zur Verfügung“. Die Mitglieder des Kompetenznetzes stehen in direktem Austausch mit Entscheidungsträgern in Ministerien und Bundesbehörden.

Kompetenznetzwerk
Das Kompetenznetzwerk soll helfen, das Wissen über das Virus zu verbessern.
© Gorodenkoff / AdobeStock

Welche langfristigen Auswirkungen gibt es?

Am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) wird in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt erforscht, wie sich eine Corona-Infektion langfristig auswirkt. Dazu werden die betreffenden Personen telefonisch oder online befragt. „Wir schauen uns die unterschiedlichen Verläufe an“, erklärt Professor Hajo Zeeb, Professor an der Universität Bremen und Abteilungsleiter am BIPS. „Uns interessiert dabei besonders, was nach einer akuten Infektion geschieht.“

Außerdem übernimmt das Institut die wissenschaftliche Bewertung der regelmäßigen Sonderberichte über das Infektionsgeschehen an Kitas und Schulen. „Wir möchten herausfinden, wer sich wie infiziert hat. Aus diesen Informationen versprechen wir uns Erkenntnisse darüber, welche Maßnahmen greifen und wo es Verbesserungsbedarf gibt“, so Zeeb. Auch Empfehlungen werden formuliert. Es gehe darum, die Ausbreitung zu kontrollieren.

Wie können die Daten der NAKO-Gesundheitsstudie weiterhelfen?

Darüber hinaus wird die NAKO Gesundheitsstudie - eine bundesweite Gesundheitsstudie mit 200.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die 2014 gestartet ist –genutzt, um die kurz- und langfristigen Folgen der Corona-Pandemie zu erforschen. Sie bietet die ideale Ausgangsbasis, um die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland zu untersuchen. Das BIPS führt die Studie als eines von 18 Studienzentren in Deutschland durch. In der NAKO liegen aktuelle Daten zur Gesundheit in der Bevölkerung in Deutschland unmittelbar vor und zu Beginn der Pandemie vor.

Mit einem zusätzlichen Fragebogen wurden alle 205.000 NAKO Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, Auskunft über Ihren aktuellen Gesundheitszustand, über ihre (möglichen) Erfahrungen mit spezifischen COVID-19-Krankheitssymptomen, über ihre Sozialkontakte und mögliche psychosoziale Auswirkungen der verhängten Einschränkungen zu geben. „Für uns ist es wichtig, neben den körperlichen Auswirkungen einer Infektion auch Aspekte wie zum Beispiel die soziale Isolierung und Vereinsamung in der Gesamtbevölkerung zu betrachten“ sagt Dr. Kathrin Günther, Studienzentrumsleiterin der NAKO in Bremen.

NAKO
Mit Hilfe der Daten aus der NAKO-Gesundheitsstudie werden die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesundheit der Bevölkerung untersucht.
© Sebra / AdobeStock

Wie helfen Apps?

Im Kampf gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie kann die Kontaktverfolgung mit Apps ein wichtiger Baustein sein, um die Übertragungsrate zu senken. Dies könnte die Arbeit der Gesundheitsämter unterstützen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Expertise des Kompetenznetzes Public Health zu COVID-19. Die Expertise des Netzwerks „Public Health zu COVID-19“, dem die Professoren der Universität Bremen Hajo Zeeb und Ansgar Gerhardus angehören, hat unter der Federführung von Tina Jahnel, Wissenschaftlerin am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, wissenschaftliche Beiträge über die Wirksamkeit von Contact-Tracing-Apps aus Fachzeitschriften, sowie Texte aus Nachrichtenmagazinen und webbasierten Inhalten ausgewertet.

Contact Tracing
Die Kontaktverfolgung mit Apps kann ein wichtiger Baustein in der Corona-Bekämpfung sein.
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Was bewegt Menschen in der Corona-Pandemie?

Welche Gedanken und Gefühle sind mit der aktuellen Ausnahmesituation verbunden? Welche Alltagsbegebenheiten schützen die seelische Gesundheit, welche rufen Stress hervor? Wie verändert sich die wahrgenommene eigene Gefährdung und wie wird die Gefährdung nahestehender Personen eingeschätzt? Das sind die wichtigsten Fragen des Forschungsprojektes, die das Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen für ihre Studie „Stress und Ressourcen im Alltag der Corona-Pandemie“ gestellt hat.

Maske
Welche Gedanken und Gefühle beschäftigen uns in der aktuellen Ausnahmesituation?
© zigres / AdobeStock

Welche Erwartungen haben diejenigen, die ihre Körperdaten zur Verfügung stellen?

Das Institut für Public Health und Pflegeforschung erforscht in einer Kurzstudie die „Corona-Datenspende-App des Robert Koch-Instituts“. Mit der Befragung möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herausfinden, welche Gefühle und Erwartungen Menschen mit der Spende ihrer Körperdaten verbinden. Neben der Postleitzahl leitet die „Datenspende-App“ verschiedene Vitaldaten (Puls, Herzratenvariabilität, Stress, Temperatur, Gewicht, Blutdruck) und soziodemografische Daten (Alter, Größe, Geschlecht, Gewicht) weiter, wobei nicht alle Daten obligatorisch erfasst werden, sondern abhängig von den Geräten und der Bereitschaft der Spenderinnen und Spender sind.

Während das Robert Koch Institut die Auswertung der gespendeten Daten vornimmt, ist bisher wenig über Motivation, (Körper-)Erfahrungen und Bedeutung der Datenspenderinnen und Datenspender bekannt. Dies soll im Rahmen von qualitativen Interviews erforscht werden.

Wie geht es Studierenden in der Corona-Zeit?

Wie Studierende durch die Krise kommen, wollte eine Studie des Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) zusammen mit dem Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften herausfinden. Das Ergebnis: Für viele Studierende hat sich das Leben durch Corona massiv verändert. Sie haben seit Einführung der Beschränkungen deutlich weniger Kontakt mit Familie und Freunden. Ein erheblicher Anteil gab außerdem an, Stress durch die Änderung der Lehrmethoden zu erleben. Knapp die Hälfte der Studierenden gab an, besorgt zu sein, aufgrund des COVID - 19- Ausbruchs das Studienjahr nicht erfolgreich abschließen zu können. Auch die eigene finanzielle Situation wird von vielen kritisch eingeschätzt: Mehr als 16 Prozent der Befragten in Bremen gaben an, derzeit keine ausreichenden finanziellen Mittel zu haben. Die Mehrheit der Befragten fühlte sich von der Universität über die Änderungen und Maßnahmen gut informiert.

Wie Fake-News gestoppt werden können?

Falschinformationen zu COVID-19 werden viel über soziale Medien verbreitet. Ein Forschungsprojekt will untersuchen, inwiefern Nudging-Interventionen dazu herangezogen werden können, die Verbreitung solcher Falschinformationen einzudämmen. Das Projekt kann zur Verringerung von Falschinformationen in den sozialen Medien beitragen. Das Projekt wurde im Rahmen des Leibniz ScienceCampus Digital Public Health Bremen zusammen mit der Human-Computer-Interaction Research Group Fachbereich Mathematik/ Informatik entwickelt. Am Institut für Public Health sind die Abteilungen Gesundheitsförderung und Prävention, Sozialepidemiologie und Versorgungsforschung in beteiligt.

Welches Risiko gibt es im Pflegeheim?

Pflegebedürftige gehören zu den am schwersten Betroffenen in der Corona-Krise. 60 Prozent aller Verstorbenen sind von Pflegeheimen oder Pflegediensten betreute Menschen. Deren Anteil an infizierten Personen beträgt aber nur 8,5 Prozent. Das ist Ergebnis einer Befragung. Eine Forschergruppe unter Leitung von Pflegeprofessorin Karin Wolf-Ostermann vom Institut für Public Health und Pflegeforschung und Gesundheitsökonom Professor Heinz Rothgang vom SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik hat die Online-Befragung in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen durchgeführt. Befragungsdaten von 824 Pflegeheimen, 701 Pflegediensten und 96 teilstationären Einrichtungen wurden dabei analysiert. Hohe Infektionsraten zeigten sich auch für das Pflegepersonal.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die häusliche Pflege aus?

Eine höhere Belastung wurde von einem Team um Professor Rothgang (SOCIUM) und Professorin Karin Wolf-Ostermann (IPP) nun auch für die häusliche Pflege durch pflegende Angehörige nachgewiesen. Befragt wurden hierfür mehr als 1.200 Personen, die als informelle Pflegepersonen registriert sind und die aufgrund ihres Alters von unter 67 Jahren potenziell einer Doppel- und Dreifachbelastung von Pflege, Beruf und eigener Familie ausgesetzt sind. Dabei zeigte sich, dass die wahrgenommene Lebensqualität und die Gesundheit der Pflegenden durch die veränderten Rahmenbedingungen der Coronavirus-Pandemie teils erheblich reduziert sind. Dies ist dabei nicht auf eine erfolgte Infektion mit dem Coronavirus zurückzuführen, sondern auf die Kombination aus zeitaufwändigerer Pflege, verminderten Unterstützungsmöglichkeiten, reduzierten Sozialkontakten und Homeoffice und Homeschooling.

Welche gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen gibt es?

Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe hat am SOCIUM vier umfangreiche Thesenpapiere zur Corona-Epidemie veröffentlicht. Beteiligt sind der Gesundheitswissenschaftler Professor Gerd Glaeske, der Politikwissenschaftler Professor Philip Manow und der Rechtswissenschaftler Professor Dieter Hart. Darin geht es um gesellschaftliche, juristische und politische Dimensionen der Pandemie. Wie ist eine Rückkehr zur Normalität möglich? Wie lässt sich die gezielte Prävention weiterentwickeln? Wie lassen sich die Bürgerrechte auch in Krisenzeiten wahren? Das sind beispielweise Fragen, die beleuchtet werden.

Wie ungerecht ist die Verteilung der Sorge-Arbeit?

„Die Corona Krise führt uns unmittelbar vor Augen, wie relevant und gleichzeitig zu gering wertgeschätzt Tätigkeiten im Zusammenhang mit fürsorglicher Zuwendung und Versorgung sind“, so Sonja Bastin vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM). „Die Pandemie verschärft die Situation zwar“, ergänzt ihre Kollegin Andrea Schäfer, „macht aber nur eine schon lange bestehende strukturelle Krise der Sorgearbeit deutlich.“ Diese sogenannte Care-Arbeit kann bezahlte Arbeit sein, wie in der Pflege oder in der Kinderbetreuung, aber auch unbezahlt wie in der häuslichen Pflege in der Familie oder Erziehungszeiten. Überwiegend üben Frauen diese Arbeit aus. Wirtschaft und Staat würden dies ausnutzen - meist zu Lasten von Frauen.

Sorgearbeit
Oft sind die Frauen für die Kindererziehung zuständig. Die Pandemie verschärft diese Situation.
© pikselstock / AdobeStock

Wer zahlt die Krise?

In der Corona-Krise wird viel Geld für stützende Maßnahmen für Wirtschaft und Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Noch vor Monaten pochte der Staat auf Haushaltsdisziplin und das Erreichen einer „schwarzen Null“ im Rahmen der Schuldenbremse. Wie wird das alles finanziert? Jutta Günther, Professorin für Volkswirtschaftslehre der Universität Bremen hält die staatlichen Hilfen für richtig. Es sei aber noch zu früh, konkrete Aussagen zu treffen, sagt sie in einem Interview mit up2date. Die Wirtschaftsgeschichte lehre, dass der klassische Weg tatsächlich die Erhöhung von Steuern und Abgaben sei – unter Umständen auch Sonderabgaben. Wie und wann genau die Schulden beglichen würden, werde noch von Politik und Gesellschaft ausgehandelt.

Wie sich die Pandemie in Afrika auswirkt

Professor Klaus Schlichte vom Sonderforschungsbereich Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik an der Universität Bremen hat sich die Covid-19-Pandemie in den Ländern Afrikas und die Maßnahmen der Regierungen genauer angeschaut. „Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern, aber die repressive Politik ist die dominante“, sagt der Politikwissenschaftler mit Blick auf die staatlichen Reaktionen auf die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus in Afrika. Wirtschaftlich trifft die Covid-19-Pandemie die afrikanischen Gesellschaften hart. Der Tourismus, der in den Küstenregionen, aber auch im Landesinneren in Form von Safaris große Bedeutung habe, breche massiv ein, sagt der Politikwissenschaftler „Wichtiger aber ist der Rückgang der so genannten Remittances - der Geldüberweisungen von Familienangehörigen, die zum Beispiel in Europa arbeiten. Dadurch bricht die wichtigste Devisenquelle afrikanischer Ökonomien ein.”

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