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„Die Suche nach einem Impfstoff ist schwierig“

Interview mit Professor Andreas Dotzauer, der an der Universität Bremen das Laboratorium für Virusforschung leitet

Er ist momentan der am meisten gefragte Wissenschaftler der Universität Bremen: Der Virologe Professor Andreas Dotzauer steht in der Corona-Krise den Medien in Bremen und umzu als Fachmann zur Verfügung. Zudem tauscht er sich intensiv mit Kolleginnen und Kollegen aus und verfolgt die Diskussion in den Expertenkreisen ebenso wie den Verlauf der Pandemie.

Herr Dotzauer, wie sehr hat sich ihr Alltag als Wissenschaftler gerade verändert?

Ich bekomme sehr viele Fragen, bei denen ich etwas erläutern soll – zum Beispiel vom Weser-Kurier, wo ich auch schon für einen Podcast zur Verfügung gestanden habe, von Radio Bremen und weiteren Medien. Aber es wenden sich auch viele Menschen an mich, die keine virologischen Fragen haben, sondern eher Tipps für Verhaltensregeln und ähnliches möchten. Manche fragen auch, wieviel Sinn die Maßnahmen überhaupt machen. Und dann gibt es auch Anrufe von Menschen, die man gar nicht kennt, die aber gerne mit ihrer Expertise etwas zur Lösung des Problems beitragen möchten. Die haben irgendwas entwickelt – zum Beispiel Schutzcremes – und fragen jetzt, ob das nicht auch in dieser Situation helfen könnte.

Wann haben Sie selbst das erste Mal von SARS-CoV-2 gehört?

Das war um die Weihnachtszeit, als die ersten Meldungen aus China kamen.

Dotzauer Porträt neu
Schutzanzug, Handschuhe, Luftschleuse: Professor Andreas Dotzauer an einer speziellen Werkbank im Laboratorium für Virusforschung. Im Moment wird der Experte stark von den Medien angefragt.
Foto: Kai Uwe Bohn / Universität Bremen

„Virologen denken immer daran, dass es schlimm ausgehen kann“

Haben Sie da schon gedacht: Oha, das kann schlimm ausgehen?

Das denken Virologen immer, wenn sie so etwas hören. Andererseits schauen sie, was denn in der Vergangenheit in solchen Situationen passiert ist. Beim ersten SARS-Ausbruch 2002/2003 und auch bei MERS 2012 – beide ebenfalls aus der Familie der Coronaviren – hat man das ja glücklicherweise sehr schnell in den Griff bekommen. Und dann ist man zwiespältig: Man hofft, dass es wieder glimpflich abgeht, aber man hat auch im Hinterkopf, dass genau das passieren kann, was wir jetzt erleben.

Wie sind Sie selbst betroffen, wie arbeiten Sie gerade?

Ich bin jetzt einerseits mit meinem Fachwissen als Experte gefragt und stehe dafür auch gerne zur Verfügung. Andererseits will ich jetzt natürlich auf dem aktuellen Stand bleiben. Es gibt gerade auch in der Fachwelt sehr viele Nachrichten und Meldungen, die muss man sichten und anhand von Publikationen prüfen. Das ist natürlich sehr zeitaufwändig. Viele Dinge sind momentan schnell gesagt und klingen auch vielversprechend, aber wenn man dann in den Publikationen genauer hinschaut, sieht man, das nicht in jedem Fall auch viel dahinter steht.

Dotzauer
Keine ungefährliche Arbeit: In der Virologie ist Sicherheit wichtig. Eine elektronische Regelung im Labor von Andreas Dotzauer verhindert, dass Luft von innen nach außen dringt – und umgekehrt.
Foto: Kai Uwe Bohn / Universität Bremen

„Umfangreiche Testreihen brauchen ihre Zeit“

Warum dauert es eigentlich so lange, einen Impfstoff zu finden?

Mit einem Impfstoff simuliert man ja eine Infektion. Man versucht, diese möglichst realistisch nachzubilden. Diese Arbeit ist schwierig, denn für jede Virusinfektion bekommt man eine andere Immunreaktion. Das Immunsystem hat für jeden Erreger eine spezielle Strategie der Bekämpfung. Bei manchen Viren reichen Antikörper, aber es gibt auch welche, bei denen diese Antwort nicht ausreicht. Dann braucht man zusätzliche Abwehrzellen, die die infizierten Zellen angreifen. Das Immunsystem holt sich also sozusagen weitere Verstärkung. Um die Bildung von Antikörpern auf der einen Seite und von Abwehrzellen auf der anderen Seite anzuregen, braucht man aber ganz unterschiedliche Stimulationen. Das alles soll letztlich ein Impfstoff verlässlich leisten, am besten ohne Nebenwirkungen und auf alle Menschen anwendbar. Dafür braucht man umfangreiche Testreihen – und die dauern. Schließlich soll ja die Immunisierung am Ende mit Gesunden stattfinden, die dann auch gesund bleiben.

Was passiert, wenn man die Kontaktbeschränkungen und die Betriebsschließungen nicht so lange durchhalten kann, wie es die Virologen gerne hätten?

Dann muss man weiterhin sehr gut organisieren, dass jetzt unterbrochene Kontaktketten nicht wiedereröffnet werden. Sonst kommen wir erneut zu einer verstärkten Ausbreitung.

„Verlangsamung rettet Menschenleben“

Über einen längeren Zeitraum hält man dennoch die Ansteckung von bis zu 70 Prozent der Bevölkerung denkbar. Ist der jetzige Aufwand gerechtfertigt?

So eine Pandemie dauert ein bis zwei Jahre. Wenn wir es hinbekommen, infizieren sich diese 70 Prozent im Verlaufe dieser Zeit. Das kann unser Gesundheitssystem stemmen. Wenn aber sehr viele Fälle in sehr kurzer Zeit auftreten, kollabiert es – siehe Italien. Deswegen dieses unbedingte Beharren auf der Verlangsamung des Verlaufes. Was wir jetzt an einschneidenden Maßnahmen durchführen, verschafft uns mittel- und langfristig einen Gewinn. Dadurch retten wir ganz konkret Menschenleben.

Welche Auswirkungen haben wärmere Temperaturen auf das Virus? Kann uns ein heißer Sommer helfen?

Das könnte sein. Bei anderen Atemwegserkrankungen ist das so. Beim aktuellen Coronavirus können wir das aber noch nicht sauber erkennen. In Italien ist es schon wärmer, dort verhält sich das Virus nicht so. In Afrika sind die Infektionszahlen momentan noch eher gering, da könnten die Temperaturen eine Auswirkung haben. Allerdings ist hier die Datenlage noch recht dürftig.

Woran forschen Sie selber?

Ich beschäftige mich insbesondere mit dem Hepatitis A-Virus. Ich untersuche, wie dieses Virus innerhalb der Zelle aktiv ist und wie es auf die Rohstoffe der Zelle zugreift, die das Virus braucht, um sich innerhalb der Zelle zu vermehren. Mich interessiert, welche Mechanismen dahinterstecken.

Mehr zum Thema

Webseite des Laboratoriums für Virusforschung

Dotzauers Podcast mit dem Weser-Kurier

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