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„Das Testen fand ich schon immer faszinierend“

Akademischer Mittelbau im Fokus: Dr. Sebastian Huhn aus der Arbeitsgruppe Rechnerarchitektur.

Ob PC, Tablet, Smartphone: Wer diesen Text liest, sitzt sehr wahrscheinlich gerade vor einem Rechner. Der ist aus Hard- und Softwarekomponenten zusammengesetzt, hat also eine Architektur. Und genau damit beschäftigt sich Dr. Sebastian Huhn aus der Arbeitsgruppe Rechnerarchitektur, die unter Leitung von Professor Rolf Drechsler im Fachbereich Mathematik/Informatik angesiedelt ist. So weit, so gut – denn ab hier wird es schnell recht speziell.

Denn mit Rechnerarchitektur, wie sie eine breite Öffentlichkeit versteht, hat sich der Informatiker eher als Schüler auseinandergesetzt: „Als ich in der 7. Klasse war, habe ich meinen ersten PC zusammengeschraubt. Das war damals alles noch ein bisschen größer und einfacher konstruiert als heute.“ Die Richtung war jedenfalls schon als Schüler klar: Als Sebastian Huhn 2007 sein Abitur am Achimer Cato Bontjes van Beek-Gymnasium machte, wusste er, dass es danach „irgendwas mit Technik“ sein sollte.

Aus dem „Irgendwas“ wurde schnell der Weg, den er nicht mehr verlassen sollte: Informatik. 2008 begann Huhn sein Studium an der Universität Bremen. „Der Bachelor war damals noch ganz neu, ich hätte auch auf Diplom studieren können“, erinnert er sich. Und weil sich der Weg richtig anfühlte, tauchte er immer tiefer ein und machte auch seinen Master. Zwangsläufig kam es dabei zu einer Begegnung, die seine „Informatik-Karriere“ beeinflussen sollte: „Damals gab es schon das studentische Projektstudium, und so landete ich bald bei der Arbeitsgruppe Rechnerarchitektur – kurz AGRA – von Professor Rolf Drechsler.“

Computerarchitektur als grundlegendes Informatik-Handwerkszeug

„Eine kleine Maschine bauen, die parallel ganz schnell etwas berechnet“ – das war die Aufgabe im Projektstudium. An der Arbeitsgruppe kommen Informatik-Studierende kaum vorbei, weil Rolf Drechsler die Grundlagenvorlesung ,Technische Informatik 1‘ abhält. Dort wird unter anderem informationstechnisches Handwerkszeug wie Computerarchitektur vermittelt. In Huhns Masterarbeit, die er 2014 abgab, ging es dann schon in Richtung „Schaltkreistest unter Verwendung formaler Beweistechniken“.

Ein gutes Team: Dr. Sebastian Huhn (links) und sein Mentor Professor Rolf Drechsler arbeiten jetzt schon seit vielen Jahren zusammen.
© Claudia Sobich

Zu diesem Zeitpunkt war der Oytener schon fester Bestandteil des AGRA-Teams, in das er 2011 auch als studentische Hilfskraft eingestiegen war. „Irgendwie hatte mich die Thematik gepackt, das Team war toll, die Förderung durch Rolf Drechsler und seine Leute sehr gut“, sagt Huhn heute. Explizit erwähnt er auch seinen „Vorgänger“ Stephan Eggersglüß, der ebenso wie später Sebastian Huhn in der Arbeitsgruppe wissenschaftlich Karriere machte und die Masterarbeit von Huhn betreute. Nach Eggersglüß‘ Weggang besetzte Huhn selbst diese Stelle.

Auch eine Entscheidung: Wissenschaft statt Industrie

Der wissenschaftliche Weg war für ihn vorgezeichnet, obwohl pfiffigen Informatik-Absolventinnen und -Absolventen gut bezahlte Jobs in der Industrie winken. Sebastian Huhn jedoch machte sich an die Promotion. Auslandsaufenthalte an der Duke University in North Carolina ließen ihn noch tiefer in die Verwinkelungen der Rechenarchitektur eintauchen. Seine Dissertation drehte sich um die vielschichtigen Architekturen moderner Chips und deren Test auf Herz und Nieren.

Wie stellt man sicher, dass vielschichtige, komplizierte und unübersichtliche Hard- und Software-Systeme fehlerfrei arbeiten?

Damit befand sich Huhn im „Kerngebiet“ der Arbeitsgruppe Rechnerarchitektur. Ob Smartphones, Produktionsgeräte oder leistungsfähige rechnergestützte Anwendungen in der Medizintechnik, in Automobilen oder bei der Lageregelung von Satelliten: „Innendrin“ verrichten hochkomplexe Computerchips und elektronische Schaltkreise rasend schnell ihre Arbeit. Diese Systeme bestehen heute aus mehreren hundert Millionen Komponenten auf nur wenigen Quadratmillimetern. Sie sind so klein, dass man sie, falls überhaupt, nur unter einem speziellen (Rasterelektronen-)Mikroskop sehen kann. Analog zur Hardware verhält es sich auf der Software-Ebene: Millionen von Programmzeilen werden dort abgearbeitet, um das reibungslose Funktionieren von Produkten zu garantieren.

Wie testet man hochkomplexe Chips?

Die grundlegende Frage: Wie stellt man sicher, dass diese unglaublich vielschichtigen, komplizierten und in ihren „Einzelteilen“ unübersichtlichen Systeme tatsächlich fehlerfrei arbeiten? Wie testet man Produkte, die so viele Funktionen haben, dass die Wechselwirkungen untereinander eine unvorstellbare große Zahl ergeben? Genau solche Fragen beschäftigen die Arbeitsgruppe Rechnerarchitektur. Dass sie darauf auch seit vielen Jahren brauchbare Antworten findet, hat der Gruppe und ihrem Leiter Rolf Drechsler zu zahlreichen Auszeichnungen verholfen.

Informatik bedeutet viel Arbeit am Computer – und in Corona-Zeiten heißt das für Sebastian Huhn, im Homeoffice die Forschungen voranzutreiben.
© Kristiane Schmitt

Mittendrin: Sebastian Huhn. Im April 2020 schloss er seine Dissertation ab. „Einige der Techniken, die ich darin erarbeitet habe, habe ich in enger Kooperation mit Infineon entwickelt – dem bekanntesten Chipproduzenten in Deutschland“, sagt der 33-Jährige. Das Unternehmen produziert unter anderem sicherheitskritische Komponenten für den Automotive-Bereich, „und in meiner Arbeit konnte ich einige Probleme rund um den Test dieser Systeme lösen, die sich dort aufgetan haben.“ Im Rahmen seiner Dissertation hatte er zudem die Möglichkeit, neun Monate lang in München beim Chiphersteller Intel im Bereich Mobile Communications mitzuarbeiten. Auch hier war Huhn wieder damit beschäftigt, die Testbarkeit der Chips zu gewährleisten: „Das Testen fand ich schon immer faszinierend.“

„Würde wieder den gleichen Weg einschlagen“

Je länger man mit Sebastian Huhn spricht, desto klarer wird: Mit dem Thema Testen und seinem Mentor Rolf Drechsler hat er ohne große Umwege das gefunden, was ihn begeistert: „Wenn ich nochmal neu wählen könnte, würde ich wieder den gleichen Weg einschlagen.“ Er ist sich durchaus bewusst, dass seine spezielle Thematik für Fachfremde „manchmal ein bisschen zäh klingt“ – aber stecke man erstmal drin im Thema, finde man viel Faszinierendes.

„Wenn ich nochmal neu wählen könnte, würde ich wieder den gleichen Weg nehmen.“

Zudem kommt Huhn seit einiger Zeit auch mit „cooleren Sachen“ wie Künstlicher Intelligenz oder Computer Vision in Kontakt, denn neben der Arbeitsgruppe Rechnerarchitektur ist er nun auch für das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) tätig. „Dort arbeite ich in der Sparte ‚Cyber-Physical Systems‘ mit, die ebenfalls von Rolf Drechsler geleitet wird.“ Dass der Informatiker mal in Projekten mit Uni-Hintergrund und dann wieder in welchen des An-Instituts DFKI steckt, sei ganz normal: „Die Überschneidungen und Kooperationen sind ja gewollt.“

Habilitation und Professur? Warum nicht!

Weil die Arbeitsgruppe von Rolf Drechsler „projekttechnisch immer gut aufgestellt“ sei, musste sich Huhn nie Sorgen um seine Zukunft machen – „und für Informatiker gibt es ja immer auch Alternativen in der freien Wirtschaft, das beruhigt natürlich.“ Universität und DFKI bleibt er jedenfalls erhalten, denn gerade wurde seine Position in eine unbefristete Anstellung umgewandelt. So bleibt der Post-Doc Sebastian Huhn auf den wissenschaftlichen Weg, der durchaus auch noch einmal in einer Professur enden könnte: „Eine Habilitation kann ich mir gut vorstellen. Und an einer Weiterbildung – der sogenannten Hochschuldidaktischen Zertifizierung – nehme ich bereits teil, um meine Lehre weiter zu verbessern. Die macht mir nämlich auch viel Spaß.“

Weitere Informationen

Webseite der Arbeitsgruppe Rechnerarchitektur

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