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„Ich habe nicht Deutschland gewählt – Deutschland hat mich gewählt“

Akademischer Mittelbau im Fokus: Dr. Arundhati Joshi aus dem Institut für Biophysik

Für die meisten Menschen der indischen Millionenstadt Pune ist Bremen ein eher kleiner Ort und meistens unbekannt. Für Arundhati Joshi war die Hansestadt aber ein Begriff, als sie 2013 hierherkam – wie so oft dank der Stadtmusikanten, die in ihrem Deutschunterricht ein Thema waren. Heute ist die 29-Jährige Post-Doc in der Arbeitsgruppe von Professorin Dorothea Brüggemann im Institut für Biophysik.

Wer sich mit den internationalen Beziehungen der Hansestadt Bremen auskennt, weiß: Es gibt seit 1976 auch eine Städtepartnerschaft mit der indischen Stadt Pune. Doch von der wusste Arundhati Joshi noch nichts, als sie 2010 in der Vier-Millionen-Stadt im Bundesstaat Maharashtra ihr Bachelor-Studium in den Naturwissenschaften aufnahm. Nach der schulischen Ausbildung, bei der in Indien nach dem englischen System der Übergang in eine Universität verzahnter als in Deutschland ist, machte sie an einem College ihren Bachelor. „Das College wiederum kooperierte eng mit der Universität Pune, so dass ich den Abschluss der University of Pune habe.“

„Science“ statt „Arts“ war ihre Entscheidung, als es um die Wahl einer schulischen Richtung ging: „Natur, Pflanzen, Tiere, all das hat mich schon immer interessiert. Mit verschiedenen Organisationen habe ich in Schule und Studium auch ‚Naturerlebnistrips‘ gemacht – das war immer hochinteressant“, berichtet sie aus ihrer Jugend. Beim Bachelor-Studium in Science musste sie sich zunächst nicht spezialisieren. Sie lernte vieles aus dem naturwissenschaftlichen Spektrum kennen. Erst im dritten Jahr hieß es, sich zu fokussieren. „Da hatte ich schon die Biochemie und Mikrobiologie entdeckt. Die Arbeit mit Bakterien und Viren im mikroskopisch kleinen Bereich interessierte mich zunehmend und ist als Laborarbeit auch viel attraktiver als zum Beispiel Chemie!“

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In ihrem aktuellen Projekt erforscht Arundhati Joshi die Wechselwirkung zwischen Nanofasern und Zellen.
© Titinun Nuntapramote

In Indien den Test für Bremen abgelegt

Während sie an ihrer Abschlussprüfung für den „Bachelor of Microbiology“ saß, erfuhr sie, dass man an der University of Pune die Eingangsprüfung für das Studium zum „Master of Biochemistry and Molecular Biology“ der 6.700 km entfernten Universität Bremen ablegen konnte. „Dazu muss man sich erst online bewerben und dann den Test machen“, sagt sie. Nachdem sie zu dem englischsprachigen Master zunächst recherchiert hatte – „ich musste ja wissen, um was es da geht und was dort gelehrt wird“ – bewarb sie sich schon vor ihrem Bachelor-Abschluss dafür. „Und direkt nach der erfolgreichen Prüfung habe ich dann auch schon eine Zusage aus Bremen bekommen“, erinnert sie sich.

Also sollte es Deutschland werden, Bremen genauer gesagt. Womit die eingangs genannten Stadtmusikanten ins Spiel kommen. Denn Arundhati Joshi hatte an ihrer indischen Schule Deutsch als Fremdsprache gewählt, und da tauchten auch die Stadtmusikanten auf – die Hansestadt war also schon ein Begriff. „Es hätte auch ein anderes Land und eine andere Stadt werden können. Aber das Angebot war einfach toll und passte für mich in diesem Moment so gut, dass man schon sagen kann: Nicht ich habe Deutschland gewählt – Deutschland hat mich gewählt“, lacht sie.

„Ich konnte hier viel intensiver praktisch im Labor arbeiten.“

Im Wintersemester 2013/2014 fing sie an der Bremer Uni an. Das Masterstudium gefiel ihr ausgesprochen gut: „Ich hatte schon Laborerfahrung, aber im Vergleich zu den Möglichkeiten in Bremen war das wenig. Hier habe ich viel intensiver praktisch im Labor arbeiten können.“ Für die Masterarbeit wählte sie ein Projekt in der Arbeitsgruppe Neurobiochemie von Professor Ralf Dringen, in dem es um die interdisziplinäre Forschung an der Schnittstelle von Gehirnzellen und Nanopartikeln ging. „Ich fand das hochinteressant, weil es um zwei Themenbereiche ging, die ansonsten nicht so viel miteinander zu tun haben. Meine Ergebnisse aus der Masterarbeit konnte ich dann auch erfolgreich publizieren“, erinnert sie sich.

Doktorarbeit im Promotionskolleg geschrieben

Am Ende der Master-Phase ergab sich plötzlich die Möglichkeit, sich weiter zu qualifizieren – in einem fachübergreifenden Promotionskolleg, in dem Arundhati Joshi ihre Doktorarbeit ebenfalls über Nanopartikel und Gehirnzellen schrieb. „Konkret ging es bei meiner Arbeit um Untersuchungen, ob und wie man mit Nanopartikeln Gehirntumore abtöten kann“, erläutert die Inderin. Der Umgang mit den Zellkulturen, den zum Teil selbst hergestellten Nanopartikeln und chemischen Fragestellungen machte ihr großen Spaß und führte im Dezember 2019 zum Doktorgrad. Auch in die Lehre war die 29-Jährige eingebunden. Bei den Biochemie-Praktika stand sie Studierenden zur Seite und verbesserte gleichzeitig ihr Deutsch, das mittlerweile exzellent ist.

Dass Arundhati Joshi eine Wissenschaftskarriere machen würde, stand spätestens zu diesem Zeitpunkt fest. Das heißt für Nachwuchsforschende aber auch immer: Augen und Ohren offenhalten, wo sich ein Anschluss ergibt. „Über den ‚Flurfunk’ hörte ich, dass Professorin Dorothea Brüggemann Mitarbeiter für ein Postdoc-Projekt sucht“, sagt sie. „Ich kannte Frau Brüggemann vom Masterstudium her, hatte schon Vorträge von ihr gehört und mich dann in ihr Themengebiet eingelesen.“ Die Emmy-Noether-Preisträgerin Brüggemann forscht mit ihrer Arbeitsgruppe im Institut für Biophysik zu Nano-Biomaterialien und hat unter anderem ein dreidimensionales Eiweißgerüst entwickelt, das in Zukunft bei der Wundheilung helfen könnte.

Nanotechnologie und Biochemie: Damit kannte sich Arundhati Joshi aus. Nur dass es hier diesmal um Nanofasern geht und um deren Interaktion mit Zellen. „Wir erforschen die Herstellung und Anwendung bioinspirierter Nanofasernetzwerke. Ziel ist es, eines Tages eine Art ,biologische Wundauflage‘ aus dem Blut des Menschen herzustellen, an dem es verwendet wird“, erläutert die Postdoktorandin. Ihre Aufgabe im laufenden Projekt ist es vor allem, die Wechselwirkung zwischen Nanofasern und Zellen – insbesondere Hautzellen – zu untersuchen.

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Den ersten Corona-Lockdown nutzte die Biochemikerin für die Mitarbeit an einem Review-Artikel, der den Stand in ihrem Forschungsgebiet zusammenfasst.
© Titinun Nuntapramote

Drei Monate Homeoffice statt Labor

Mitten in diese anspruchsvollen Forschungen platze die Corona-Pandemie. „Ich hatte im Frühjahr 2020 gerade richtig angefangen und durfte auf einmal nicht mehr ins Labor – drei Monate lang. Im Homeoffice habe ich die Zeit aber gut genutzt und zur Fertigstellung eines Forschungsartikels und einem neuen Review-Artikel beigetragen, der den Stand auf diesem Gebiet gut zusammenfasst.“ Wie ist dieser, was ist schon herausgefunden worden, was fehlt noch? „Diese Arbeit hat mir sehr geholfen, tiefer in das Thema hineinzufinden. Die Laborarbeit, die ich so mag, hat mir aber trotzdem gefehlt – und auch der Austausch mit anderen Forschenden.“

Im Vergleich zum ersten Lockdown konnte Arundhati Joshi in diesem Jahr wesentlich häufiger im Labor arbeiten. Natürlich nicht wie vorher: In Räumen, die normalerweise zu dritt oder zu viert genutzt werden – etwa bei den Zellkulturen oder der Mikroskopie – durfte nach vorheriger Buchung nur eine Person arbeiten. Bis Mai 2022 ist ihre Stelle dank der Emmy-Noether-Förderung von Dorothea Brüggemann erst einmal gesichert.

„In Bremen kam es mir anfangs richtig leer vor. Ich dachte, hier gibt es gar keine Leute.“

Auf das Privatleben hatte Corona natürlich ebenso Auswirkungen. „Mein Verlobter hat mir wirklich die ganze Zeit zur Seite gestanden. Er war meine größte Unterstützung in dieser Zeit, in der ich weit weg von meiner Familie war.“ Denn eigentlich ist Arundhati Joshi mindestens einmal im Jahr für mehrere Wochen in Indien. Aber das fiel natürlich flach. Zuletzt war sie im August 2019 dort. Ihre familiären und freundschaftlichen Kontakte dorthin kann sie nur über die digitalen Kanäle pflegen. Zum Glück, sagt Arundhati Joshi, sind die meisten Verwandten und Freunde in Pune bislang von der dort grassierenden Pandemie verschont geblieben: „Die sind alle seit Monaten in Quarantäne.“

Anfänglicher Kulturschock in Bremen

Ihre Anfangszeit in Deutschland war durchaus ein Kulturschock. Indien hat fast 1,4 Milliarden Einwohner: „Hier in Bremen kam es mir anfangs richtig leer vor. Ich dachte, hier gibt es gar keine Leute“, schmunzelt sie. Im Winter kalt und dunkel, dazu ungewohntes Essen: Auch daran muss man sich erst gewöhnen. Mittlerweile ist Arundhati Joshi hier aber angekommen. Wohin genau der Weg geht, ist offen, denn bei Wimis müssen sich immer wieder zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Möglichkeiten ergeben. „Die Habilitation ist mir aber zu weit – diesem Weg werde ich nicht gehen“, weiß sie schon. „Ich würde aber gerne in der wissenschaftlichen Forschung bleiben und auch in Deutschland. Ich glaube, meine Chancen sind hier zurzeit größer als woanders.“ Kann gut sein – denn schließlich hat Deutschland sie ja gewählt.

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