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Sozialbericht statt Wetterbericht

Akademischer Mittelbau im Fokus: René Böhme aus dem Institut Arbeit und Wirtschaft.

Heute ist er ein gefragter Experte für soziale Themen – doch dass er mal in eine solche Position kommt, war für den Sozialwissenschaftler René Böhme nicht von vornherein geplant. Zunächst versuchte er es auf einem ganz anderen Feld, dann arbeitete er praktisch im sozialen Bereich. Schließlich „siegte“ das Interesse an der Sozialpolitik. Heute ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw).

„René, wie wird das Wetter?“ Das wird René Böhme oft von seinen Kolleginnen und Kollegen gefragt. Klarer Fall: der Mann ist Meteorologe. „Das war tatsächlich mal eine Zeitlang in der engeren Wahl, als ich mich nach dem Zivildienst fragte, wohin meine berufliche Reise denn nun gehen soll“, lacht der sympathische Wissenschaftler. Aber dann wurde die Meteorologie doch „nur“ zum Hobby, mit einer privaten Wetterstation samt PC-Anbindung. Zum Beruf machte Böhme ein anderes Interesse: Das an den Sozialwissenschaften.

Nah dran an den drängenden Themen

„Ein Glück!“ werden viele Menschen – nicht nur im Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen und der Arbeitnehmerkammer Bremen – sagen. Denn René Böhme zählt heute zu den gefragten Experten in Deutschland, wenn es um Themen wie Armut und soziale Spaltung, um die Schere zwischen Arm und Reich, um soziale Ungleichheit, die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten, die Beschäftigungsverhältnisse des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen oder auch um Kinderbetreuung zu atypischen Zeiten geht. Projekte, Publikationen, Vorträge, Lehre, Transfer: Der gebürtige Sachse ist sehr nah dran an den Themen, die der Gesellschaft unter den Nägeln brennen.

Bis zur heutigen Position war es ein langer Weg – nicht immer sicher, von verschiedenen Überlegungen über die „richtige Richtung“ beeinflusst, mit vielen befristeten Arbeitsverhältnissen und Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen. Eigentlich also eine „typische WiMi-Karriere“. Dabei war es lange Zeit gar nicht sicher, dass René Böhme in die Wissenschaft geht.

Nach dem Abitur mit den Kernfächern Mathematik und Geschichte am Werner-von-Siemens-Gymnasiums in Großenhain fing Böhme nach dem Zivildienst tatsächlich an der Universität Leipzig das Studium der Meteorologie an. Um ganz schnell zu merken: das ist es nicht. „Große, anonyme Veranstaltungen, in denen die Lehrenden Monologe hielten und mit harten Prüfungsaufgaben die Studierenden ‚aussiebten‘ – so hatte ich mir das Studium nicht vorgestellt. Phasenweise erschöpfte sich die Lehre ausschließlich darin, irgendwelche abstrakten Formeln zu beweisen.“

Meteorologie-Studium abgebrochen – spätere Ehefrau kennengelernt

Also: Umorientieren. Das dauerte einige Zeit, aber immerhin hatte der Ausflug in die Meteorologie auch was Gutes: René Böhme lernte dort seine heutige Frau kennen. „Sie hat dieses Studium dann auch abgebrochen. Wir sind dann beide an die Fachhochschule Leipzig gegangen. Meine Frau ist schließlich Ingenieurin geworden, und ich habe mich – in Erinnerung an meine guten Erfahrungen im Zivildienst – für den Studiengang ,Soziale Arbeit‘ entschieden.“

Besonders interessant für Böhme waren die sozialpolitischen Lehrveranstaltungen. „Wir hatten unter anderem die Aufgabe, eigene sozialpolitische Thesen zu entwickeln und diese zu verteidigen. Da habe ich gemerkt, dass mich das ungemein reizt.“ Mindestlohn, Kombilohn, Grundsicherung, das sind nur einige der Themen, in die er sich tiefer einarbeitete. „Nachdem ich das FH-Diplom erworben hatte, das mit dem heutigen Bachelor vergleichbar ist, habe ich dann 2010 an der Universität Bremen den Master Sozialpolitik belegt.“ Finanziert wurde er als Stipendiat durch die evangelische Studienstiftung.

„Die Universität Bremen war damals die einzige Uni mit einem Master in Sozialpolitik.“

Bremen also! „Die hiesige Universität hatte damals das Alleinstellungsmerkmal, die einzige Uni mit einem Master in Sozialpolitik zu sein.“ Zum iaw war es dann ein eher kurzer Weg: Bereits im Studium arbeitete er dort als Hilfskraft und später wissenschaftlicher Mitarbeiter mit. „Mein heutiger Kollege Rolf Prigge hat damals einen WiMi für das Projekt ‚Armutsbekämpfung im Großstadtvergleich‘ gesucht. Mehr oder minder zufällig stieß er in der Sozialbehörde, wo ich gerade ein Fachpraktikum machte, auf mich – ich arbeitete dort nämlich gerade am gleichen Thema.“ Damit war die Karriere als Wissenschaftlicher Mitarbeiter gestartet.

Zum Anfang eine befristete halbe Stelle

Doch für den Mittelbau ist aller Anfang oft schwer. Für René Böhme hieß es am iaw zunächst konkret: Halbe Stellen, auf eineinhalb Jahre befristet, oft sogar kürzer. Seine Frau fand ebenfalls eine Anstellung in der Region Bremen, und so beschloss das Paar, in Bremen zu bleiben. Im Armutsvergleichsprojekt erfuhr René Böhme dann bald, wie anspruchsvoll und herausfordernd die Arbeit sein kann: „Der Oberbürgermeister von Dortmund hat mich mal gebeten, die Ergebnisse unserer Arbeit mit Bezug auf Dortmund vor 300 Leuten in der Rathaushalle vorzustellen. Da klopft das Herz dann schon ein bisschen schneller“, schmunzelt er.

Heute sind derartige Auftritte längst Alltag für den 37-Jährigen. Armut, soziale Ungleichheit, familienbezogene Themen – das interessiert René Böhme brennend, zumal es dabei einen Querbezug zu seiner praktischen sozialpädagogischen Arbeit gibt, die ihn vor dem Start in die Wissenschaft beschäftigte. „Ich kann das im iaw gut zusammenbringen. Mit meinen Themen geht es ja oft konkret um die Rahmenbedingungen von sozialer Arbeit – damit fühle ich mich sehr wohl. Mal gibt es dabei Themen, die man selber setzt, dann wieder welche, die von den Mittelgebenden kommen.“

René Böhme
Seine vielen Arbeiten und Veröffentlichungen will René Böhme jetzt für eine sogenannte kumulative Dissertation nutzen.
© René Böhme

Wenn man so wie er Expertenwissen bei bestimmten Themen hat, gibt es immer wieder auch entsprechende Anfragen für Untersuchungen. So haben Böhme und das iaw für Rheinland-Pfalz den 6. Armuts- und Reichtumsbericht gemacht. Bei der Ausschreibung setzten sie sich gegen zwei weitere Institute durch. „Das zeigt, dass wir mit unserer Expertise mittlerweile auch in Süddeutschland wahrgenommen werden.“ Ein anderer Auftrag, den er gerade bekommen hat, ist die Begleitung der Weiterentwicklung von 60 bremischen Kindertagesstätten zu Kinder- und Familienzentren.

Viele verknüpfte Fachartikel für die kumulative Dissertation

Derartige Projekte gibt es mittlerweile zuhauf in der Vita von René Böhme, säuberlich aufgelistet auf seiner stets aktuellen Webseite innerhalb des iaw-Netzauftritts. Seine vielen Arbeiten und Veröffentlichungen will er jetzt für eine sogenannte kumulative Dissertation nutzen. Dabei wird der Doktorgrad nicht durch eine einzelne Forschungsarbeit, sondern durch zahlreiche thematisch verknüpfte Fachartikel erworben. „Eigentlich wollte ich das 2020 vorantreiben. Doch dann kam die Pandemie, und die hat wieder alle Pläne auf den Kopf gestellt.“ Denn weil die Böhmes für ihre beiden Kinder keine Notbetreuung bekamen, war der Kopf nicht frei: „Beide im Homeoffice, dazu die Kinder – da ist die konzentrierte Arbeit an der Dissertation illusorisch.“

„Beide im Homeoffice, dazu die Kinder – da ist die konzentrierte Arbeit an der Dissertation illusorisch.“

Mittlerweile hat René Böhme im iaw – das Forschungszentrum ist eine Kooperation von Universität und Arbeitnehmerkammer – eine unbefristete Stelle. „Ich bin sehr zufrieden, das ist ein toller Job. Nicht nur die Forschung macht mir Spaß, auch der Transfer.“ Er hält viele Vorträge, lehrt jeweils im Sommersemester am Studiengang Soziale Arbeit der Hochschule Bremen, führt an Schulen Unterrichtseinheiten durch und vieles mehr. Die Nachfrage an seiner Expertise ist hoch – ein Sozialbericht heute für ihn dann doch interessanter als der Wetterbericht.

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