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Digitalisierung: Expertin vom Engagement an der Uni Bremen begeistert

Der digitale Wandel einer Hochschule ist komplex. Das weiß auch Professorin Gudrun Oevel. Sie hat die Universität Bremen beraten

Gudrun Oevel ist Chief Information Officer der Universität Paderborn und bundesweit eine gefragte Expertin, wenn es um die Digitalisierung von Hochschulen geht. In dieser Funktion hat sie auch die Universität Bremen beraten. Im Februar 2020 war Oevel als Fachfrau bei der Peer-to-Peer-Beratung durch das Hochschulforum Digitalisierung involviert. Das Verfahren bietet Hochschulen die Möglichkeit, sich bei der Erarbeitung und nachhaltigen Verankerung ihrer Digitalisierungsstrategie für Studium und Lehre durch Expertinnen und Experten unterstützen zu lassen. Für diese Peer-to-Peer Beratung hatte sich die Universität Bremen erfolgreich beworben. Im Interview erzählt Oevel, wie man alle Beteiligten mitnehmen kann, welche Stärken die Universität Bremen hat und was sie Lehrenden sagt, die befürchten, dass die Digitalisierung die Präsenzlehre verdrängen könnte.

Frau Oevel, durch die Corona-Pandemie haben Universitäten einen enormen Digitalisierungsschub erhalten. Dies betrifft besonders die digitale Infrastruktur. Sie musste im Eiltempo ausgebaut werden, damit das Sommersemester online stattfinden konnte. Das ist aber nur die technische Seite. Was braucht es noch für einen erfolgreichen digitalen Wandel an einer Universität?

Es braucht die Menschen, die den Wandel mit ihrem Engagement ausgestalten. Dies passiert ja nicht von allein oder durch Technik. Sie gibt Möglichkeiten. Die handelnden Personen machen damit gute Lehre, haben andere Lernmöglichkeiten oder können Herausforderungen wie beispielsweise der Pandemie anders begegnen.

Wie lange dauert so ein Digitalisierungsprozess etwa?

Der Prozess hört niemals auf, er orientiert sich an iterativen – also sich wiederholenden — Schleifen. Ziel ist es, mit der Zeit immer ein Stück besser zu werden. Da auch die Technik eine Rolle spielt, ist es sogar noch etwas kritischer. Denn die Technologien ändern sich in der Regel viel schneller als Organisationen wie Hochschulen sie in der Breite einsetzen und adaptieren können.

Sie haben durch Ihre Beratungsfunktion beim Hochschulforum Digitalisierung Einblicke in mehrere Hochschulen erhalten. Wie steht die Universität Bremen im Vergleich dazu da?

Wir haben in der Peer-to-Peer-Beratung intensiv auf Lehre und Studium und deren Management sowie notwendige Voraussetzungen und Kompetenzen geschaut — zum Beispiel auf Räume, Prüfungen und Veranstaltungen. Beeindruckend war es, den „Bremer Spirit“ vor Ort zu erfahren — zu spüren, wie viele Personen sich sehr tiefgehende und konstruktive Gedanken machen und den Willen zur Gestaltung haben. Das ist ein Pfund, was andere Universitäten nicht immer haben. Auch der gelebte partizipative Ansatz hat mich überzeugt — also das Prinzip der möglichst breiten Einbeziehung von Akteurinnen und Akteuren. Hier hat die Universität Bremen ganz eindeutig ihre Stärken. Und hier sind ja auch schon viele Schritte passiert.

Manche Lehrende stehen der Digitalisierung kritisch gegenüber. Sie befürchten, dass sie die Präsenzlehre langfristig verdrängen könnte. Was sagen Sie denen?

In dieser Pandemie haben wir aus meiner Sicht sehr gut erfahren, was mehr Digitalität bringt: andere Themen, andere Medien, Tools, andere Formate, mehr Flexibilität bezogen auf Zeit und Ort, insgesamt eine andere Vielfalt. Aber wir alle vermissen die persönlichen Begegnungen und den sozialen Raum für Kreativität, Spontanität und intensive Auseinandersetzung. Und ich glaube, eine Präsenzhochschule wird sich bewusst auf die Präsenzlehre mit ihren Vorteilen konzentrieren, aber die positiven digitalen Erfahrungen einfach weiter vorantreiben. Denn auch diese haben eben ihre Vorteile.

Wie kann man digitale Lehre und Präsenzlehre gut miteinander verbinden? Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Ich finde zum Beispiel das Flipped Classroom-Konzept wunderbar, bei dem sich meist digital im Selbststudium zu Hause vorbereitet wird und in Präsenz die Materialien vertieft und diskutiert werden. Wunderbar sind auch digitale Simulationsumgebungen für beispielsweise Experimente oder Übungen — da kann man als Student oder Studentin nichts kaputt machen, sondern bewusst forschend an Dinge herangehen. Oder eine virtuelle Sprechstunde in der vorlesungsfreien Zeit, in der man dann nicht extra an die Uni fahren muss. Bei unseren Studierenden und Lehrenden werden auch digitale Test- und Feedbacksysteme sehr geschätzt, um zu wissen, was eigentlich an Wissen schon erworben wurde.

„Es braucht Menschen, die den Prozess immer wieder weitertreiben — und zwar auf jeder Ebene.“

Eine Universität ist ein sehr komplexes System in Forschung, Lehre und Verwaltung. Die Heterogenität der Akteurinnen und Akteure ist immens. Wie kann man alle Beteiligten mitnehmen und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bereiche eingehen?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, den Sie benennen. Aus meiner Erfahrung — und wir hatten dazu auch ein spannendes Forschungsprojekt — ist es wichtig, sich hochschulweit auf einen strategischen Rahmen, also wichtige Eckpunkte, zu einigen. Dann sollte man Freiräume und Ressourcen gewähren, dass der Rahmen fachspezifisch mit möglichst vielen Personen, insbesondere auch den Studierenden, ausgestaltet werden kann. Wichtig ist es, auch Austauschmöglichkeiten zu den Erfahrungen zu bieten, um die erfolgreichen Dinge zusammenzubringen — beispielsweise an einem Tag der Lehre oder digital auf einer Webseite. Es braucht auch Menschen, die den Prozess immer wieder weitertreiben — und zwar auf jeder Ebene.

Stichwort Datenschutz in der Universitätsverwaltung: Einige Prozesse dürfen laut Gesetz nicht digital erfolgen, damit der Schutz persönlicher Daten gewährleistet ist. Manche Prozesse sind dadurch recht aufwändig. Wie geht man damit um, wenn man den Digitalisierungsprozess in der Verwaltung voranbringen will?

Ich halte den Schutz personenbezogener Daten und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung für ein hohes Gut. Manchmal stehen die gesetzlichen Bestimmungen aber auch im Weg. Aus meiner Sicht muss man hier ernsthaft immer um gute Lösungen ringen und sich wirklich Mühe geben. Eine offene, transparente aber auch wertschätzende harte Auseinandersetzung um Fakten ist meines Erachtens die einzige Möglichkeit. Manchmal hilft aber auch der Blick auf andere Universitäten. Da haben vielleicht andere schon gute Lösungen gefunden, die adaptiert werden können.

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