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Auf derselben Seite des Stoffs

Herausforderung Online-Lehre, Teil 2: Dozierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften erzählen

Dieses Sommersemester ist anders. Statt in die Gesichter von Studierenden im Hörsaal oder Seminarraum zu schauen, blicken die Dozentinnen und Dozenten auf einen Bildschirm mit schwarzen Kacheln. Doch wie bringt man Menschen etwas bei, denen man nicht real begegnet? Im Laufe des Semesters haben die Verantwortlichen viele Strategien entwickelt. Ingenieurin Kirsten Tracht und Informatikerin Anna Förster berichten von ihren Erfahrungen.

„Das Sommersemester 2020 wird rein digital ablaufen!“ Professorin Anna Förster traf diese Botschaft im März weniger hart als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Förster setzt bereits seit drei Jahren digitale Lehrformate ein. „Beim Programmieren ist es am Anfang so, als würde man eine neue Sprache lernen“, verdeutlicht sie. Die Studierenden müssten daher das Gelernte gleich anwenden, denn eine Sprache wolle ja gesprochen werden.

Anna Förster fände eine Mischung aus Präsenz- und digitaler Lehre ideal.
© privat

„Kleine Häppchen verbunden mit leicht zu lösenden Aufgaben sind da deutlich effektiver als langatmige Vorlesungen“, sagt Förster. Für dieses Konzept, das im Rahmen des Projekts „ForstA digital“ gemeinsam mit dem Zentrum für Multimedia in der Lehre (ZMML) entwickelt wurde, hat sie den Berninghausenpreis für hervorragende Lehre 2019 erhalten.

„Die Mischung macht’s“

Also alles bestens im digitalen Semester? „Nein“, lautet die klare Antwort. Denn digitale Lehrformate funktionieren ihrer Erfahrung nach am besten in Kombination mit realen Begegnungen. „Die Mischung macht’s. Um schwierigere Aufgaben gemeinsam lösen zu können, veranstalten wir normalerweise alle zwei Wochen einen Hackathon, also eine kollaborative Programmierveranstaltung“, sagt die Dozentin. Dieser Tag sei eine wichtige Rückmeldung für sie. Denn erst im Gespräch stelle sich heraus, ob jemand den Stoff wirklich verstanden hat.

Ingenieurin Kirsten Tracht hat die Klausuren im digitalen Semester gestrichen. Sie setzt stattdessen auf kontinuierliche Leistungsnachweise.
© privat

Professorin Kirsten Tracht kann da nur zustimmen: Eine Kombination wäre ideal. „Ich brauche die körperliche Präsenz, da gelingt es mir viel leichter, jemanden in mein Seminar hineinzuziehen“, sagt die Ingenieurin. In ihren asynchronen Lehrformaten, die sie über die Lernplattform StudIP anbietet, sehe sie einfach nicht, wo das Verständnis aussetze.

„Umgang ist ehrlicher geworden“

Andererseits kann die Expertin für Prozessgerechte Technologiegestaltung der digitalen Lehre auch Positives abgewinnen: „Der Umgang mit den Studierenden ist irgendwie ehrlicher geworden. Ich habe das Gefühl, dass wir dieses Semester auf derselben Seite des Stoffs sitzen – also gemeinsam erarbeiten, wie wir die Herausforderung digitales Lehren und Lernen meisten“, berichtet sie.

In der Lehrveranstaltung von Kirsten Tracht erfolgt der Austausch per Chat.
Screenshot: Universität Bremen

Eine sichtbare Veränderung: In diesem Semester gibt es bei ihr keine Klausuren. Die Studierenden erbringen ihre Prüfungsleistungen kontinuierlich von April bis Ende August. „Das ist für uns zwar in diesem Semester etwa doppelter Aufwand für die Lehre. Aber das ist es uns wert, damit wir niemanden verlieren“, sagt Tracht.

Die Studierenden von Anna Förster reichen auch bereits seit April fleißig Aufgaben ein. Sie sieht auch Chancen in der aktuellen Situation. „Ich bin guten Mutes, dass es ein Anstoß ist, über innovative Lehrformate in der Hochschullehre nachzudenken“, sagt sie. Das müsse ja nicht unbedingt ein digitales Format sein. Aber nun seien die Lehrenden gezwungen, sich wirklich Gedanken zu machen. Ihre Hoffnung: Dass die Qualität in der Lehre auf diese Weise steigt.

Teil 1: Geistes- und Sozialwissenschaften

Im ersten Teil der Serie berichten Literaturwissenschaftler Axel Dunker, Kunstpädagogin Maria Peters und Wirtschaftsgeograph Robert Panitz über ihre Erfahrungen im digitalen Semester.

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