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Damals: Ein Dissident an der Universität Bremen

In der DDR in Ungnade gefallen, in der Hansestadt gerne gesehen: Wie Rudolf Bahro 1980 zu einem Forschungsaufenthalt an der noch jungen Universität kam.

Acht Jahre Haft — so lautete am 30. Juni 1978 das Urteil des 1. Strafsenats des Stadtgerichts Berlins der DDR gegen Rudolf Bahro. Was war geschehen? Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Sozialwissenschaftler — ein langjähriges SED-Mitglied — in seinem 1977 in Westdeutschland veröffentlichten Buch „Die Alternative — Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ Informationen für den bundesdeutschen Verfassungsschutz übermittelt habe. Deshalb verurteilte ihn der Strafsenat wegen „landesverräterischer Sammlungen von Informationen und Geheimnisverrats.“

In ganz Westeuropa lösten Bahros Verhaftung und Verurteilung eine Welle der Empörung und Solidarität aus. Auch an der Universität Bremen: Lehrende und linke Hochschulgruppen organisierten Informationsveranstaltungen und verbreiteten Flugblätter mit der Forderung nach seiner Freilassung. Der Wirtschaftswissenschaftler Otto Steiger regte im März 1979 die Einrichtung einer Gastprofessur für Bahro in den Studiengängen Ökonomie und Sozialwissenschaften (damals Fachbereich 5) an.

Bahro selbst hatte in einem veröffentlichten Brief aus dem Gefängnis mitgeteilt, dass er im Falle einer vorzeitigen Entlassung bereit wäre, in die Bundesrepublik zu gehen, da auch dort „Marxisten seiner Richtung“ ein Arbeitsfeld finden könnten. Und, so Steigers Schlussfolgerung: „Wo könnte dieses Arbeitsfeld besser sein, als an der Universität Bremen?“

Gastprofessur für einen überzeugten Kommunisten

Eine Gastprofessur für einen überzeugten Kommunisten — von dieser Idee waren offenbar nicht alle auf Anhieb begeistert. Zumindest äußerte Steiger Anfang Juli 1979 in einem Schreiben an den Fachbereichsrat 5 seine Hoffnung, dieser werde die Gastprofessur nicht „durch formalen Firlefanz“ weiter behindern.

Im selben Monat wandte sich Universitätsrektor Alexander Wittkowsky in einem Schreiben, welches die nachträgliche Unterstützung mehrerer Intellektueller und Politiker — etwa des Soziologen und Autors Jean Ziegler und des ehemaligen Ministerpräsidenten Schwedens Olof Palme — genoss, direkt an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. Er bat ihn um Bahros Amnestierung und nutzte die Gelegenheit, für diesen das Angebot eines zweijährigen Forschungsaufenthalts an der Universität Bremen zu unterbreiten. Schließlich zeigte der massive internationale Druck Wirkung: Am 11. Oktober 1979 wurde Bahro anlässlich des 30. Jahrestages der DDR im Zuge einer Amnestie entlassen und durfte in die Bundesrepublik übersiedeln.

In Erwartung seiner baldigen Ankunft in Bremen warnte die Marxistische Gruppe (MG) Bahro in einem Grußwort der Ausgabe ihrer Bremer Hochschulzeitung vom 30. Oktober 1979, dass seine politischen Positionen sowohl bei Anhängern wie auch Gegnern des Kommunismus nicht nur Beifall finden werden: „Alle Voraussetzungen (Sic) für eine Diskussion in Bremen sind also gegeben (…).“ Doch wie Bahro in einem Dankschreiben an Wittkowsky durchblicken ließ, zögerte er zunächst noch, das Angebot der Universität Bremen anzunehmen. Er plante, im Raum Frankfurt seinen Wohnsitz zu nehmen. Wenig später äußerte sich Bahro jedoch interessiert am Bremer Angebot, sollte der Akademische Senat dem Antrag des Rektors zustimmen, was dieser im Dezember 1979 tat.

Der Atomphysiker Jens Scheer — er war wegen seiner Mitgliedschaft in der KPD aufgrund des sogenannten Radikalenerlasses mehrere Jahre lang von einem Berufsverbot betroffen – schrieb seinem „Genossen“ im Januar 1980 in einem Brief: „Übrigens sind unser beider Beziehungen zur Uni Bremen auf makaber-ironische Weise verschränkt, indem vorgeschlagen wurde, Ihren Aufenthalt hier — über den ich mich sehr freuen würde — aus der durch die Suspendierung eingesparten Hälfte meines Salärs zu finanzieren …“.

Rege Diskussionen inklusive: Das Buch „Die Alternative“ von Rudolf Bahro sorgte ebenso wie seine Forschungstätigkeit an der Bremer Universität Anfang der 1980er-Jahre für rege Aufwerksamkeit.
© Universitätsarchiv

Lehraufträge für Bahro und seine geschiedene Frau

Im März 1980 zog Bahro nach Burglesum und nahm seine Forschungstätigkeit an der Universität Bremen auf. Während seine von ihm geschiedene Frau Gundula Bahro, die ihn in die Bundesrepublik begleitet hatte, hier 1980 als Lehrbeauftragte Seminare zu Kinder- und Jugendliteratur in der DDR und zu sowjetischer Gegenwartsliteratur hielt, forschte er vom 1. Mai 1980 bis zum 30. April 1983 zum Thema „Allgemeine Theorie des historischen Kompromisses“. Seine Forschung mündete neben diversen Publikationen in ein Uni Seminar mit dem Titel „,Historischer Kompromiss‘ für Westeuropa? Grundlegende Fragestellungen und Probleme“ im Studiengang Arbeitslehre / Politik im Sommersemester 1981.

Der „Historische Kompromiss“ sollte zu einer Überwindung der Spaltung in der sozialistischen Bewegung beitragen und nicht-linke demokratische Kräfte einschließen, um den Weg zu einem „echten“ Sozialismus und einer radikal neuen Weltwirtschaftsordnung zu ebnen. Dies sei laut Bahro schon allein aufgrund der „aus der kapitalistischen Produktionsweise erwachsenen ökologischen Krise“ erforderlich. Wenn sich nichts ändere, so seine Überzeugung, „werden wir im Verlauf weniger Jahrzehnte die gesamte menschliche Zivilisation zugrunde richten, die Existenz des Menschen als Gattung in Frage stellen und schwerste antagonistische Zusammenstöße heraufbeschwören.“ Diese Zivilisationskritik machte Bahro, der sich in den 1980er-Jahren zunehmend einem spirituell geprägten Kommunismus zuwandte, zum Gegenstand seines 1987 erschienenen zweiten Hauptwerks „Logik der Rettung — Wer kann die Apokalypse aufhalten?“

Im Juni 1990 vollständig rehabilitiert

Im Juni 1990 rehabilitierte das Oberste Gericht der DDR Bahro vollständig. Nach der Wiedervereinigung lehnte er Verfahren gegen die Juristen, die ihn 1978 verurteilt hatten, als „Siegerjustiz“ ab. Von 1990 bis 1996 leitete er das von ihm selbst gegründete Institut für Sozialökologie an der Humboldt-Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte waren die durch die Industriegesellschaft geprägten Lebensweisen der Menschen, Formen der Vergemeinschaftung und die weltweiten Umweltzerstörungen. Die Apokalypse ist bis in unsere Gegenwart zum Glück ausgeblieben — eine grundlegende Transformation der westeuropäischen Gesellschaften und Wirtschaftsformen ebenso. Rudolf Bahro starb am 5. Dezember 1997 in Berlin.

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