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„Manchmal drei oder vier Interviews am Tag“

In der fast 50-jährigen Geschichte der Universität Bremen haben kein Experte und keine Expertin in solch kurzer Zeit so viele Interviews gegeben wie der Virologe Professor Andreas Dotzauer

Expertise, Beratung, Service: Unterschiedlichsten Interessengruppen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, ist eine der selbstverständlichen Aufgaben für die Forschenden und Lehrenden der Universität Bremen. Aber seit ihrer Gründung 1971 hat wohl niemand in so kurzer Zeit so oft Anfragen von Medien und Bevölkerung bekommen wie der Virologe Professor Andreas Dotzauer. Seine Antworten auf die unzähligen Fragen zum Thema Corona waren und sind ungemein begehrt.

Herr Dotzauer, für Sie ging es im März 2020 in wenigen Tagen von Null auf Hundert: Wie viele Anfragen haben Sie als Virenexperte bisher — wir sprechen Ende Oktober miteinander — seit März 2020 beantworten müssen, wie viele Interviews gegeben?

Andreas Dotzauer: Ich weiß es nicht. Ich habe es nicht gezählt. In der Hochzeit, als es mit der Krise richtig losging – und jetzt auch wieder – habe ich mindestens ein Interview am Tag gegeben — manchmal aber auch drei oder vier. Im dreistelligen Bereich bin ich schon lange.

Wie haben Sie die Belastung dadurch empfunden? Haben Sie manchmal gedacht: Wann hört das endlich wieder auf?

Nein, soweit ist es nicht gekommen. Ich habe versucht, es auch dadurch zu steuern, dass ich primär den Medien aus Bremen, Bremerhaven und der Region zur Verfügung stand, Anfragen von entfernteren Redaktionen aber oft abgelehnt habe. Neben dem eigentlichen Interview hat man durchaus viel Arbeit damit, denn nicht wenige Journalisten schicken die Fragen zu. Wenn man die dann schriftlich beantwortet, überlegt man schon sehr genau, was man da schreibt. Und nach telefonischen Interviews habe ich darauf bestanden, noch mal über den Text schauen zu dürfen. Ich wollte sichergehen, dass ich auch richtig zitiert werde. Das kostet alles viel Zeit.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Medien — im Guten wie im Schlechten?

Schlechte Erfahrungen habe ich nicht gemacht — aber Erfahrungen. Was ich zum Beispiel gelernt habe: Aufnahmen werden in der Regel noch geschnitten und Aussagen dadurch verkürzt. Da musste ich zusehen, dass Dinge nicht aus dem Kontext gerissen werden. Was auch passiert ist: Sätze, die ich beispielsweise einem Medium hier in der Region gegenübergesagt habe, sind ohne mein Wissen und in einem anderen Sinnzusammenhang ungefragt ganz woanders von einem Redakteur genutzt worden. Man verliert also die Kontrolle über seine Aussagen. Zudem habe ich darauf geachtet, nur virologische Fragen zu beantworten und mich zu wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Auswirkungen der Krise nicht zu äußern.

„Fragen nach den Auswirkungen der Krise auf Wirtschaft und Gesellschaft habe ich ganz bewusst nicht beantwortet.“

Virologen und Epidemiologen waren zu Beginn der Krise sehr gefragt und anerkannt, wurden dann aber nach einiger Zeit auch in Frage gestellt und sogar angefeindet. Auch Kolleginnen und Kollegen von Ihnen waren sich plötzlich nicht mehr einig und stritten sich öffentlich in den Medien…

Was in der Öffentlichkeit nicht verstanden wurde: Jede und jeder bewertet natürlich die vorliegenden Daten zunächst einmal für sich. Da kann es durchaus verschiedene Bewertungen geben. Virologie und Epidemiologie sind zudem unterschiedliche Disziplinen, das bringt auch unterschiedliche Sichtweisen mit sich. Trotzdem waren die Differenzen meines Erachtens fachlich nicht so groß. Das waren sie nur, wenn der Blick in die Glaskugel — in die Zukunft — gefragt war oder es um die Auswirkungen der Krise auf Wirtschaft und Gesellschaft ging. Da gibt es natürlich eine hohe Bandbreite von Einschätzungen. Ich habe solche Fragen deshalb ganz bewusst nicht beantwortet.

Ihr Forschungsschwerpunkt sind Hepatitis-Viren. Konnten Sie sich überhaupt noch auf ihre eigenen Interessen konzentrieren?

Ja, das ging. Aber wir Virologen haben mit der Corona-Krise gerade ein Live-Geschehen, das sich so niemals im Labor simulieren lässt. Dass wir uns dann in diesem Moment vorrangig damit beschäftigen, das verfolgen, uns austauschen und die Daten bewerten, ist ja nur natürlich. Im Moment steht das Corona-Virus im Mittelpunkt unseres Interesses.

Wie lief die Lehre im Sommersemester bei Ihnen ab? War auch das Thema Corona im Fokus? Die Studierenden müssen Sie doch mit Fragen gelöchert haben.

Wie in anderen Bereichen auch lief unsere Lehre nur digital, mit Zoom-Veranstaltungen und vielem mehr. Unsere Übungen liegen immer am Ende des Semesters, sodass wir diese dann mit den vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen hier in der Universität absolvieren konnten. Dass es dann auch in den digitalen Veranstaltungen viel um Corona ging, ist klar. Jetzt im Wintersemester starten wir auch wieder mit Onlinevorlesungen, und Praktika sind unter entsprechenden Bedingungen in Präsenz geplant. Wie sich das entwickelt, werden wir sehen.

Zuletzt dann doch noch eine Frage zum Thema selbst: Was schätzen Sie, wann der ganze Spuk vorbei ist?

Ich weiß es nicht, zumal die Zahlen ja wieder rasant steigen. Die nun beschlossenen Maßnahmen – der „November-Lockdown“ – sind schon mal nicht schlecht. Aber sie greifen meines Erachtens immer noch zu kurz. Wichtige Bereiche werden nicht eingeschlossen. Millionen Menschen gehen weiter im Betrieb zur Arbeit – auch in Schlachthöfen beispielsweise –, sie treffen dort natürlich aufeinander, machen Kaffeepausen, die Kantinen bleiben auch auf. Auch deshalb ist Fakt: Das Virus wird nicht verschwinden, es wird uns vielmehr noch lange erhalten bleiben.

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