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Susanne Gläß beendet ihr singendes, klingendes Arbeitsleben

Die Universitätsmusikdirektorin geht nach 24 Jahren musikalischer Erfolgsstory in den Ruhestand

Kaum zu glauben: Auf die Frage, was Universitätsmusikdirektorin Dr. Susanne Gläß in ihrem Ruhestand machen will, sagt sie ganz entspannt: „Erstmal nichts.“

Die Rentenzeit der multitalentierten Organisatorin großer musikalischer Ereignisse unter dem Label der Universität beginnt nämlich am 1. November. Vom Brausen der akademischen Musizierlust, dem intensiv-schöpferischen Kontakt mit 170 Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, Sängerinnen und Sängern Rückzug in ein stilles Haus? Das will man ihr eigentlich nicht abnehmen. Die letzte Produktion, beworben auch in ihrer E-Mail Signatur, ist der Bolero von Maurice Ravel. Corona geschuldet eine digitale. Aber kein bisschen elektronisch fern. Im Gegenteil. In rascher Bildfolge zu sehen, was Flöte, Klarinette, Fagott, Oboe, Saxophon, Posaune, Trompete, und die Violinen an der Universität so forschen und studieren, passend zum Crescendo der 169 rhythmischen Takte der Trommel zusammengestellt. Das ist ein Hochgenuss.

Die Liste aufwändig einstudierter Großproduktionen reicht von Paul McCartney bis Monty Python.
© Claudia Hoppens / Universität Bremen

Musikalische Events in Folge

Susanne Gläß hat das Storyboard für das Video geschrieben. Sie ist als Dirigentin zu sehen. In einer wunderbaren lachsfarbenen Bluse. Überhaupt: Das Outfit der Musikdirektorin. Mal kess mit Schirmmütze, ärmellosem Shirt und buntem Schal, dann wieder hebt sie den Taktstock, gewandet in edlen schwarzen Samt. Seit 1996, also 24 Jahre lang, hat sie die Universitätsmusik geprägt. Große Ereignisse, ja man muss sagen Events, sind dabei herausgekommen. So hat die studierte Musikerin 2003 für die Aufführung der Carmina Burana eigens einen Chor gegründet. Der Zulauf war enorm. „150 Leute haben mitgemacht, die Zahl der Mitglieder hat sich nach dem Projekt dann stabil bei 85 eingependelt“, erinnert sich die 63-Jährige. Von ähnlicher Größe ist das Orchester. „In jedem Jahr habe ich sondiert, was wir brauchen“, sagt sie über diesen lebendigen Organismus. „Mal waren es zwei Oboen, aktuell in diesem Semester fehlen uns Kontrabässe“.

„Viele nette Menschen“

Was ihr in diesem randvollen Arbeitsleben – nicht selten eine 50-Stundenwoche – Kraft gegeben hat? „Wer Musik macht, hat mit vielen netten Menschen zu tun“, sagt sie. Disziplin und Teamgeist seien die Merkmale der Laienensembles, die sich Woche für Woche zu den Proben im akustisch austarierten Hörsaal des GW1 eingefunden haben. „Ein hohes Gefühl von Verbindlichkeit“ attestiert sie den Mitwirkenden. Das sind Studierende, Alumni, sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität. Musik für alle war ihr Motto. Nun erschöpft sich die Arbeit der Universitätsmusikdirektorin ja nicht im Taktstockschwenken. „Ich musste Konzertsäle buchen, Noten besorgen, die Kostenstelle korrekt abrechnen, die Öffentlichkeitsarbeit machen, 170 Namen auswendig wissen, Kontakt halten und Themen finden, die zur Universität passen“, gibt sie einen kleinen Einblick ins Multitasking ihres Berufs.

Keine Scheu vor großen Chören: Beim Musikfestival „Bremen so frei“ sangen unter dem Dirigat von Dr. Susanne Gläß 4000 Menschen mit.
© Michael Bahlo / Universität Bremen

Hinaus in die Stadtgesellschaft

Was Dr. Susanne Gläß von Anfang an hervorragend gekonnt hat, war der Transfer. Ihre Ensembles blieben nicht auf dem Campus, sondern strebten unter ihrer Leitung hinaus in die Stadtgesellschaft. Gleich das erste Projekt nach ihrem Dienstantritt war Musik von Erik Satie als Collage mit sich bewegenden Objekten aus dem Kunstbereich der Universität. Performed wurde auf der Bühne im Schlachthof, im Kulturbahnhof Vegesack und im Theater am Fischereihafen in Bremerhaven. Andere hochkarätige Auftrittsorte kamen hinzu: Die Glocke, der Dom, die Kulturscheune Varrel (Susanne Gläß: „hervorragende Akustik“) und open air das Haus am Walde, um nur einige zu nennen. Schließlich auch der Marktplatz, wo unter ihrem Dirigat 4000 Leute bei „Bremen so frei“ anspruchsvolle Lieder in die strahlende Junisonne geschmettert haben.

Von Paul McCartney bis Monty Python

Auf eine lange Liste aufwändig einstudierter Musikaufführungen kann Susanne Gläß zurückblicken. Sie reichen von Max Bruchs Odysseus über Antonin Dvoraks Aus der Neuen Welt, Paul McCartney’s Liverpool Oratorium bis zur Musik von Monty Python’s Life of Brian. Kann man nach solch einer Erfolgsstory einfach loslassen? „Ich bin müde“, sagt Susanne Gläß sehr offen. Ihre schwere Sehbehinderung mit einer Kurzsichtigkeit von minus 27 Dioptrien mache ihr im Alter immer mehr zu schaffen. Sie zieht sich offenbar erst einmal zurück, lebt im Viertel mit ihrer Ehefrau. „Wir waren das erste gleichgeschlechtliche Paar in Bremen, das am 1. August 2001 eine damals so genannte Lebenspartnerschaft eingegangen ist.“ Sie spielt Violine, ihre Frau Klavier. Dr. Susanne Gläß hat viel geschafft und viel erlebt. Wer neugierig auf ihren Werdegang ist, kommt beim Wikipedia-Eintrag nicht aus dem Staunen heraus. Und dann, ganz zum Schluss unseres Gesprächs, sagt sie „Ich bin hochgespannt, was ich mal machen werde.“ Aha, also doch.

Weitere Informationen:

Aktuelles Video—Maurice Ravel: Boléro, Orchester der Universität Bremen

Auflistung aller Projekte im Konzertarchiv der Universität

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