Dem Krieg ein Gesicht geben

Wie die ukrainische Studentin Yuliia Kotvytska den Krieg in der Ukraine erlebte – und was sie mit der Ausstellung „Unissued Diplomas“ erreichen möchte

Uni & Gesellschaft / Campusleben

40 Lebensgeschichten ukrainischer Studierender sind seit Mitte Februar in der Ausstellung „Unissued Diplomas“ in der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen zu sehen. Diese Studierenden haben eines gemeinsam: Sie wurden im russischen Angriffskrieg getötet, als Zivilist:innen durch russische Angriffe oder als Soldat:innen an der Front. Einer von ihnen waren ein Studienfreund von Yuliia Kotvytska. Die 23-Jährige studiert seit 2024 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Masterstudiengang International Relations an der Universität Bremen. Im Interview erzählt sie, wie es zu der Ausstellung kam und wie ihre Wege sie von Kyjiw über Toronto und Gießen nach Bremen führten.

Yuliia, wie ist die Ausstellung „Unissued Diplomas“ entstanden?

Im Wintersemester 2022/23 verbrachte ich ein paar Monate an der Universität Toronto, gemeinsam mit über hundert anderen Austauschstudierenden aus der Ukraine. Obwohl oder vielleicht gerade weil wir so weit weg waren, wollten wir auf die Situation in der Ukraine aufmerksam machen, zum Beispiel mit Info- und Aktionsständen. Doch nach dem Semester zerstreute sich unsere Gruppe: Einige blieben in Toronto, andere zog es in die USA, nach Europa oder an andere Orte der Welt. Wir suchten nach einem Projekt, an dem wir trotz der Distanz weiter zusammenarbeiten konnten – und so entstand die Idee zu „Unissued Diplomas“. Mit der Ausstellung wollten wir gleichzeitig auf den Krieg aufmerksam machen und der enormen Zahl an Todesopfern ein Gesicht geben. Zum ersten Mal präsentierten wir sie zum Jahrestag des russischen Angriffs im Februar 2023.

2023 ist schon lange her. Wie kommt es, dass die Ausstellung immer noch gezeigt wird?

Wir haben am Anfang an Studierende gefragt, ob sie die Ausstellung an ihrer eigenen Universität ausrichten wollen. Später kamen dann mehr und mehr Studierende von sich aus auf uns zu, die die Ausstellung zeigen wollten. Und so ging es nach dem Februar weiter, im Laufe des Jahres 2023 und den Jahren danach. Inzwischen ist die Ausstellung mehr als 300-mal in rund 30 Ländern zu sehen gewesen.

Worum geht es in der Ausstellung „Unissued Diplomas“ – und warum engagiert sich Yuliia Kotvytska dafür? Das erklärt sie in einem Video, das der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) im Dezember 2025 über sie veröffentlicht hat.

Wie erklärst du dir diesen großen Erfolg?

Wir haben die Ausstellung extra so konzipiert, dass sie ohne großen Aufwand an vielen Orten weltweit gezeigt werden kann. Dafür haben wir ein spezielles Toolkit zusammengestellt, mit den Druckdateien und weiteren Informationen zur Vorbereitung der Ausstellung. Irgendwann ist alles im positiven Sinne aus dem Ruder gelaufen und immer mehr Leute kamen auf uns zu, die die Ausstellung präsentieren wollten. Das freut uns natürlich sehr!

Was bedeutet dir die Arbeit an der Ausstellung?

Das ist eine schwierige Frage. Auf der einen Seite war die Arbeit an der Ausstellung sehr belastend. Als wir mit dem Projekt anfingen, waren die meisten von uns Anfang 20. Viele engagieren sich in diesem Alter politisch und gesellschaftlich. Aber es ist noch einmal eine ganz andere Erfahrung, über Freund:innen zu berichten, die im Krieg gestorben sind. Ich kannte einen der Studierenden, die in der Ausstellung gezeigt werden, sehr gut. Und obwohl ich nun schon seit Jahren an der Ausstellung arbeite, wird es damit nicht unbedingt leichter. Wenn eine neue Ausstellung ansteht, wie jetzt hier in Bremen, lese ich alle Texte noch einmal durch. Und die Trauer überwältigt mich immer wieder neu.

Auf der anderen Seite gibt mir das Projekt auch viel Sinn. Es war auch eine Art therapeutische Erfahrung, mit dem Tod unserer verstorbenen Freund:innen umzugehen. Mit der Ausstellung machen wir darauf aufmerksam, dass leider immer noch Krieg ist und dass er weiterhin Menschen tötet. Trauer und Sinnhaftigkeit existieren für mich nebeneinander.

Ein Ausschnitt von den ausgehangen Bildern von verstorbenen Ukrainischen Studierenden mit ihren jeweiligen
Die Ausstellung soll gleichzeitig auf den Krieg aufmerksam machen und der enormen Zahl an Todesopfern ein Gesicht geben.
© Leona Hofmann / Universität Bremen

Wie hast du persönlich den Krieg erlebt?

Ich erinnere mich an ein Treffen mit Freund:innen in Kyjiw Ende Januar 2022. Einer von ihnen sagte: „Wer weiß, vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir jetzt alle zusammen sind.“ Und tatsächlich ist es genauso gekommen.

Ich hatte im Herbst 2021 bereits ein Erasmussemester in Gießen geplant, das im Sommersemester 2022 starten sollte. Als der Krieg ausbrach, zögerte ich, ob ich wirklich gehen sollte. Ein Erasmussemester, wie man es sich normalerweise vorstellt – mit Ausflügen und Partys – fühlte sich plötzlich falsch an. Aber meine Eltern ermutigten mich zu gehen, und in Gießen war ich in Sicherheit.

Der Krieg blieb trotzdem Teil meines Alltags. Ich engagierte mich für ukrainische Geflüchtete, half ihnen bei der Wohnungssuche und beim Ankommen in Deutschland. Und seit vielen Jahren begleitet mich die Arbeit an „Unissued Diplomas“ wie ein roter Faden.

Inzwischen dauert der Krieg schon vier Jahre. Wie gehst du damit um?

Der Krieg begleitet mich jeden Tag. Es ist schon ein Ritual geworden, dass ich jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen meine Eltern kontaktiere und frage, wie es ihnen geht. Auch mit meinen Freund:innen hier an der Uni spreche ich darüber.

Es ist eine dauerhafte Belastung, und gleichzeitig stelle ich nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen Menschen aus der Ukraine fest, dass wir Wege gefunden haben, damit umzugehen, oft mit erstaunlich viel Humor. Wenn ich in die Ukraine zurückkehre, bewundere ich die Stärke der Menschen dort. Ich habe den Eindruck, nichts kann sie brechen.

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Unissued Diplomas“ ist in der Staats- und Universitätsbibliothek auf dem Campus der Universität Bremen zu sehen.

zurück back


Auch interessant…