Täuschung durch Design

Am Leibniz-WissenschaftsCampus Digital Public Health erforschen Wissenschaftler:innen Risiken digitaler Medien wie „Dark Patterns“

Forschung / Uni & Gesellschaft

Digitale Technologien beeinflussen unsere Gesundheit auf vielfältige Weise. Manche sind nützlich, andere nicht. Am Leibniz-Wissenschafts-Campus „Digital Public Health“ erforschen Wissenschaftler:innen aus Mitgliedseinrichtungen der U Bremen Research Alliance (UBRA) Chancen und Risiken digitaler Medien – wie etwa Gefahren durch „Dark Patterns“, die Nutzer:innen von sozialen Medien zu einer bestimmten Aktion verleiten sollen.

Eins sei ihm wichtig klarzustellen, betont Dr. Thomas Eßmeyer im Laufe des Gesprächs: Er lehne soziale Medien nicht grundsätzlich ab. Ganz im Gegenteil – er sei ein Befürworter guter Angebote. Manche, findet er, haben einen riesigen positiven Effekt, verbinden Menschen, stärken Gemeinschaften, helfen in vielen Lebenslagen. „Das Problem ist nur, es gibt zu wenig gute Plattformen!“

Wie Facebook, TikTok, Instagram oder Twitter, heute X, ihre Nutzer:innen gezielt beeinflussen, wie sie ihren Entscheidungsspielraum so lenken, dass er zu ihrem Nachteil, aber zum Vorteil der Plattform wird, hat der Wissenschaftler in seiner Promotion ausführlich beschrieben und analysiert. So intensiv wie kaum jemand zuvor hat sich der Bremer mit „Dark Patterns“ beschäftigt, also mit Täuschung durch Design mittels Farben, Strukturen, Oberflächengestaltung bei Apps, Websites oder Schnittstellen. Er hat sich damit einen Namen gemacht. Selbst die „Washington Post“, eine der renommiertesten Zeitungen der USA, berichtete von seiner Forschung.

„Jetzt kaufen“-Buttons fördern impulsives Kaufverhalten, Countdown-Zähler suggerieren eine nicht vorhandene Dringlichkeit, Kündigungsfunktionen sind versteckt – das sind nur einige Beispiele für manipulative Strategien der Anbieter:innen. Eine andere sind farblich unterlegte Cookiebanner. „Menschen reagieren auf visuelle Reize. Ein hellblauer Button zum Beispiel wirkt freundlicher und führt dazu, dass man schneller klickt“, erläutert Eßmeyer. Die Alternative ist ein grauer Link mit zahlreichen Unterpunkten und endlosen Klicks. Wer macht das schon?

Zwar erleichtern Cookies die Navigation. „Sie werden aber auch systematisch genutzt, um detaillierte Nutzerprofile zu erstellen, und das meist ohne bewusstes Einverständnis“, sagt Eßmeyer. Dafür gibt es passgenau Werbung und Kaufempfehlungen. Auch Gesundheits-Apps nutzen diese Muster und greifen vielfach sensible Daten ab. Zu verstehen, wie die Manipulationen funktionieren, und ihnen entgegenzuwirken, sei gerade bei Gesundheitsdaten hoch relevant, meint Eßmeyer.

Doktor Thomas Eßmeyer schaut lächelnd in die Kamera
Hat über Dark Patterns promoviert und ist ein gefragter Gesprächspartner zum Thema: Dr. Thomas Eßmeyer
© Jens Lehmkuehler

Diese Tricks führen zu unüberlegten, überteuerten, oftmals schwer rückgängig zu machenden Entscheidungen – und auch dazu, dass Nutzende mehr Zeit in den sozialen Medien verbringen, was gerade für Kinder und Jugendliche problematisch ist.

Was tun? „Es braucht dieselbe Einfachheit beim Ablehnen wie beim Zustimmen und vor allem braucht es mehr Transparenz“, fordert Eßmeyer. Ein paar alltagstaugliche Ratschläge hat er gleich parat: sich Zeit lassen, nie sofort klicken, Abofallen vermeiden, sich bewusst machen, dass Design nie neutral ist.

Der 32-Jährige studierte zunächst an der Hochschule für Künste Bremen Digitale Medien und später am University College Dublin Informatik. Er promovierte am Digital Media Lab der Universität Bremen und dem Leibniz-WissenschaftsCampus „Digital Public Health“ (LSC DiPH) – einer interdisziplinären Einrichtung, die sich auf Forschung zu digitaler öffentlicher Gesundheit spezialisiert hat. Vor dem Hintergrund, dass sich die Gesundheit immer stärker in den digitalen Raum verlagert, dass Plattformen immer mehr Daten erzeugen, hat sich der Campus 2019 gegründet – gefördert von der Leibniz-Gemeinschaft, dem Land Bremen und dem Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Wie lässt sich die Datensicherheit gewähren? Wie die Unmengen an Informationen nutzbar machen? Wie die digitale Kluft zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen überwinden? Das waren einige der Ausgangsüberlegungen dieses virtuellen Ortes.

Professor Doktor Benjamin Schüz sitzt seitlich zur Kamera vor seinem Computer und lächelt in die Kamera.
Hält den LSC DIPH für einen Glücksfall: Prof. Dr. Benjamin Schüz
© Jens Lehmkuehler

Als „großen Glücksfall“ bezeichnet Prof. Dr. Benjamin Schüz den Campus. Weil er Wissenschafter:innen aus der Informatik, Psychologie, Philosophie, Gesundheits- oder Rechtswissenschaft zusammenbringt, die zuvor bestenfalls voneinander gehört hatten und nun gemeinsam an einem Zukunftsthema arbeiten, um Lösungen zu entwickeln. „Die interdisziplinäre Arbeit hat eine Riesenbedeutung. Sie eröffnet ganz neue Möglichkeiten“, sagt der Gesundheitspsychologe, einer der Co-Sprecher des LSC DIPH. Im Campus kooperieren mit der Universität Bremen, dem Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS sowie dem Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin – MEVIS drei Mitgliedseinrichtungen der U Bremen Research Alliance; weitere Institutionen sind beteiligt.

„Die interdisziplinäre Arbeit hat eine Riesenbedeutung. Sie eröffnet ganz neue Möglichkeiten.“ Prof. Dr. Benjamin Schüz

Bei seiner eigenen Forschung hat Schüz, Professor für Public Health mit Schwerpunkt Gesundheitsförderung und Prävention an der Universität Bremen, von der fachübergreifenden Zusammenarbeit am Campus ebenfalls profitiert. So hat er gemeinsam mit dem inzwischen an die Universität St. Gallen gewechselten Informatiker Prof. Dr. Johannes Schöning eine Methode zur Reduktion von Falschmeldungen in sozialen Medien entwickelt. Aktuell haben Schüz und das Digital Media Lab wieder einen Forschungsantrag zur automatischen Erkennung von Falschinformationen gestellt. „Ohne den Campus hätten wir das auf keinen Fall hinbekommen“, betont Schüz.

Inzwischen ist der Campus in seiner zweiten Förderphase angekommen. Bis mindestens 2027 ist die Finanzierung gesichert. Für eine große Errungenschaft der ersten Phase hält Schüz die Entwicklung eines Rahmenkonzeptes, eine Art Handreichung mit konkreten Kriterien für die Entwicklung und Evaluation von breitenwirksamen digitalen Gesundheitsanwendungen, die einen Mehrwert für die Anwender:innen haben sollen – und natürlich frei von Dark Patterns sind.

In der aktuellen Förderphase geht es mehr um konkrete Anwendungen, auch zur Prävention: Wie muss etwa eine App zur Rauchentwöhnung beschaffen sein, dass sie für alle nutzbar ist? Wie kann man Ärzt:innen dazu bewegen, sie auch zu verschreiben? Die Förderung der digitalen Gesundheitskompetenz gerade für Ältere und Menschen mit begrenzten Deutschkenntnissen ist für ihn ein großes Thema, ebenso wie die Nutzung künstlicher Intelligenz, etwa zur Analyse von großen Mengen an Medizindaten. Ein Podcast informiert über die Vielfalt der Gesundheitsthemen, beispielsweise darüber, wie Kinder und Jugendliche lernen, mit Gesundheitsinformationen im Netz richtig umzugehen, über digitale Organspendenregister oder die Arzneimittelversorgung der Zukunft. Zwei internationale Summer Schools lockten schon Nachwuchswissenschaftler:innen aus aller Welt nach Bremen. Ein Buch ist entstanden, das über die bisherige Forschung informiert (siehe Kasten am Ende des Textes). Es ist im Netz kostenlos verfügbar.

Dieses Bild zeigt eine „Heat Map“-Visualisierung von Softwareknoten und -kanten auf einen Computer Bildschirm.
Was im Hintergrund passiert: Wie sich Nutzer:innen in sozialen Medien beim Erstellen eines neuen Accounts bis zum Ausfüllen von persönlichen Informationen im Profil einer App bewegt haben, zeigt diese Darstellung.
© Jens Lehmkuehler

Und dann ist da noch die „Early Career Research Academy“ (ECRA), die Eßmeyer schlicht für „fantastisch“ hält. Wie der LSC DiPH insgesamt bringt die Nachwuchsakademie Wissenschaftler:innen unterschiedlichster Disziplinen zusammen – nur eben ambitionierte und engagierte Promovierende und Postdocs, ausgestattet mit einem Budget, über das sie selbst verfügen können. „Wir haben uns auf Workshops und anderen Veranstaltungen regelmäßig ausgetauscht, gemeinsam Exkursionen unternommen oder Konferenzen besucht. Das hat meiner Forschung definitiv geholfen“, meint Eßmeyer.

„Die Early Career Research Academy ist fantastisch.“ Dr. Thomas Eßmeyer

Er ist ein „digital native“. Von Kindesbeinen an beschäftigt sich der Wissenschaftler mit dem Netz, seinen ersten Computer hat er noch selbst zusammengebastelt. Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, das ist sein Thema. Eßmeyer, der an der Universität Bremen und der Technischen Universität Berlin lehrt, möchte Menschen helfen, potenziell gefährliche Umgebungen zu erkennen und zu meiden. Was eine gute Plattform ausmacht? „Sie ist neutral“, sagt der Wissenschaftler, der beruflich zwar auf vielen Plattformen unterwegs ist, privat aber lediglich Bluesky und LinkedIn nutzt, und das nur selten. Sein Wissen gibt er inzwischen auch dort weiter, wo er selbst viel gelernt: als Mentor an der Early Career Research Academy des LSC DiPH.

Risiken und Nebenwirkungen digitaler Gesundheitstechnologien

Ob Apps, Smartwatches oder soziale Medien – digitale Technologien beeinflussen unsere Gesundheit umfassend. Ihr Potenzial und ihre Risiken beleuchtet das Buch „Digital Public Health – Interdisciplinary Perspectives“, das von Forschenden des Leibniz-WissenschaftsCampus „Digital Public Health“ verfasst worden ist. In rund 30 Beiträgen erörtern Expert:innen unterschiedlichster Fachrichtungen Fragen etwa zur digitalen Gesundheitskompetenz, zu ethischen Dilemmata oder zur konkreten Umsetzung. Das Handbuch ist ein Leitfaden für Fachleute aus Verwaltung, Politik, Gesundheitswesen und Wissenschaft. Es ist erschienen als Open-Access-Publikation und kostenlos online verfügbar. Open-Access-Publikation: „Digital Public Health“

Der Artikel stammt aus Impact - Dem Wissenschafts-Magazin der U Bremen Research Alliance

In der U Bremen Research Alliance kooperieren die Universität Bremen und dreizehn Institute der bundländerfinanzierten außeruniversitären Forschung. Die Zusammenarbeit erstreckt sich über vier Wissenschaftsschwerpunkte und somit „Von der Tiefsee bis ins Weltall“. Das Wissenschafts-Magazin Impact gibt zweimal im Jahr spannende Einblicke in das Wirken der kooperativen Forschung in Bremen.

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