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Kennt ihr schon… die Restaurierungswerkstatt der SuUB?

Zwischen Pinsel, Keilkissen und Kautschuk – die Restaurierungswerkstatt rettet historische Bücher vor dem Verfall. Willkommen zur etwas anderen Campusführung

Campusleben

Bei beständigen 18 bis 20 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 45 bis 55 Prozent bietet die Restaurierungswerkstatt der Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) Bremen das ideale Klima – vor allem für den historischen Buchbestand. Doch nicht nur ihren Erhaltungsauftrag erfüllt sie damit. Über Jahrhunderte hinweg haben Licht, Temperaturschwankungen, unsachgemäße Nutzung und Schädlinge ihre Spuren an den Kulturgütern hinterlassen. Seiten zerbröseln, Einbände lösen sich, Schrift verblasst. Bei einem historischen Altbestand von rund 100.000 Werken, darunter auch mittelalterliche Handschriften, historische Karten, Inkunabeln, Nachlässe und Autographen sowie Papyri, geht der Werkstatt die Arbeit so schnell nicht aus.

Katherina Schmoll leitet die Restaurierungswerkstatt und hat mit ihrer Kollegin Ute Regin schon so manches Buch gerettet. Der erste Schritt sei dabei immer gleich, erzählt Katherina Schmoll: „Zuerst bekommt jedes Buch eine Trockenreinigung unter dem Abzug. Wenn nötig, wird jede einzelne Seite bearbeitet. Oberflächenschmutz ist potentieller Nährboden für Schimmel oder Schädlinge. Die Reinigung ist eine erste vorbeugende Maßnahme dagegen.“ Gearbeitet wird mit Handschuhen, Naturhaarpinseln, Kautschuk-Schwämmen und speziellen Keilkissen, die verhindern, dass der Buchrücken überstreckt wird – und vor allem mit viel Fingerspitzengefühl.

Hände in weißen Handschuhen halten ein Buch und bürsten dieses.
Mit einer Naturhaarbürste werden Verschmutzungen im Falz entfernt. Das Material lädt sich so nicht statisch auf – ideal, um Staub und Schmutz gründlich zu beseitigen. Denn beides kann Schimmel fördern, der Büchern und Menschen gleichermaßen schadet.
© Felix Clebowski / Universität Bremen

Auch wenn diese Methode bewährt ist, hat sich an anderer Stelle mit den Jahren einiges in der Restaurierungspraxis geändert: „Früher wurde Buch für Buch restauriert. Aber da der Bestand groß ist und eine Restaurierung schon mal zwischen zwei Wochen und sechs Monaten dauern kann, priorisieren wir heute nach Bestandsgruppen.“ Im Vordergrund stehen inzwischen präventive und konservatorische Maßnahmen. Die aufwändige Einzelbehandlung wird nur noch an ausgewählten Stücken durchgeführt.

Ein aktuelles Projekt in der Werkstatt: Die alten Etiketten auf einigen der historischen Buchrücken müssen abgelöst und durch ein alterungsbeständiges Material ersetzt werden. „Auch das gehört zu unserer Arbeit: Methoden werden geprüft und durch bessere Lösungen ersetzt. Restaurierung ist wissenschaftliche Arbeit – und muss sich weiterentwickeln“, erklärt Katherina Schmoll.

Mit einem Pinsel wird eine Flüssigkeit auf das Etikett des Buches auf dem Buchrücken abgetragen.
Ute Regin bestreicht die alten Etiketten mit einer Methylcellulose, um sie schonend abzulösen. Anschließend reinigt sie den Buchrücken und befestigt ein neues Schild mit einem Klebstoff, der das Material nicht beschädigt.
© Felix Clebowski / Universität Bremen

Buchpatenschaften unterstützen Erhaltungsmaßnahmen

Bei der Bewältigung dieser Projekte helfen zum einen Drittmittel, zum anderen die Buchpatenschaften, die vom Freundeskreis der SuUB initiiert wurden. Über Spenden können Interessierte die Patenschaft für ein besonders erhaltenswertes Buch ihrer Wahl übernehmen. Das Geld kommt direkt der Erhaltung zugute. Besonders eine Buchpatenschaft ist der Leiterin im Gedächtnis geblieben: „Ein Mann schenkte seiner Frau die Patenschaft für die Restaurierung von Drucken kirchlicher Musikaufführungen aus unserem Bestand. Die Ehefrau hatte eine enge Bindung zur Kirche, ihr Vater war Pfarrer. Es war schön zu sehen, wie sehr sie sich darüber gefreut hat.“

Neben der eigentlichen Arbeit an den Büchern fallen immer mehr organisatorische Aufgaben an: Leihanfragen von Wissenschaftler:innen und Museen, die Planung eigener Ausstellungen, interne Schulungen zum Umgang mit historischem Material, Digitalisierungprojekte, Notfallpläne für Brand- oder Wasserschäden sowie Schädlingskontrollen. Vor allem Letzteres beschäftigt viele Bibliotheken, da Papierfischchen durch den Versandkartons schnell mal ins Haus gelangen können: „Eine Überwachung durch ein Schädlingsmonitoring ist sehr wichtig, da die Tiere bei unkontrollierter Vermehrung auch den Bestand befallen können. Papier bzw. die enthaltene Cellulose dient ihnen als Nahrung.“ Das Problem mit den Papierfischchen betreffe im Übrigen nicht nur Bibliotheken, sondern auch Privathaushalte.

Im Vordergrund lächelt eine Frau. Im Hintergrund sieht man ein mit Büchern gefülltes Regal.
Katherina Schmoll ist seit 2023 Leiterin der Restaurierungswerkstatt. Hier steht sie im Magazinlager der SuUB, wo sich ein Teil des historischen Buchbestands befindet.
© Felix Clebowski / Universität Bremen

Schatz aus dem 11. Jahrhundert

Die Geschichte der SuUB Bremen reicht bis zur im Jahr 1660 gegründeten Bibliotheca Bremensis zurück. Ihre ältesten Bestände stammen aus der Dom-Bibliothek und vom Bremer Rat, der 1646 eine bedeutende Gelehrtenbibliothek erwarb. Darunter: das zwischen 1039 und 1042 entstandene Evangelistar Heinrichs III. – bis heute die wertvollste Handschrift im Bestand. Im Laufe der Jahrhunderte kamen zahlreiche Sammlungen und Nachlässe von Bremer Persönlichkeiten hinzu.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden rund 100.000 Bände des damaligen historischen Altbestands als Beutekunst in die Sowjetunion transportiert. In den 1990er Jahren wurden 25.000 Bücher aus Armenien und Georgien restituiert. „Viele sind immer noch behandlungsbedürftig, weil der Zustand teilweise sehr schlecht ist und eine Restaurierung aufwendig“, erklärt Katherina Schmoll. Öffentlich zugänglich sind sie nicht, können aber im Handschriftenlesesaal unter Aufsicht eingesehen werden. Auch wird sich darum bemüht, den gesamten historischen Bestand zu digitalisieren, denn auch damit schont man die Originale.

Ein beschädigtes Buch liegt aufgeschlagen.
Das Buch wurde wahrscheinlich von einem Querschläger während des Kriegs getroffen.
© Felix Clebowski / Universität Bremen

Mit Liebe zum Buch

Was die Mitarbeitenden in der Restaurierungswerkstatt verbindet, ist die Leidenschaft für Bücher. „Eine Kollegin zeigte uns letztens freudestrahlend ein Buch, das sie im Bestand gefunden hat. Es hatte einen Querschläger abbekommen, wahrscheinlich im Krieg“, erzählt die Leiterin. Der Splitter oder die Kugel war bereits entfernt worden, trotzdem beeindrucken solche Funde Katherina Schmoll und ihre Kolleg:innen: „Sie machen Geschichte greifbar. Wenn ich Fingerabdrücke finde, wird mir bewusst: Dieses Buch wurde lange vor meiner Zeit benutzt. Davor habe ich Respekt.“

Weitere Informationen

Zur Geschichte der Staats- und Universitätbibliothek (SuUB) Bremen

Freundeskreis der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen e.V.

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