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Zwischen Emotionalisierung und Tabuisierung
Wie sich NS-Gedenkstätten auf TikTok positionieren – und warum politisch Verfolgte dort kaum vorkommen
Mit TikTok verbindet man normalerweise Beauty-Trends, Tanzvideos oder Comedy-Clips – nicht unbedingt das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Doch immer mehr NS-Gedenkstätten sind dort vertreten. Paul-Frederik Siemer hat ihre Accounts für seine Masterarbeit genauer unter die Lupe genommen. Im vergangenen Jahr ist er dafür mit dem Bremer Studienpreis ausgezeichnet worden. Warum als Kommunist:innen Verfolgte auf TikTok kaum vorkommen und ob die Plattform überhaupt ein Ort des Gedenkens sein kann, erklärt er im Interview mit up2date.
Herr Siemer, wie kann man sich TikTok-Videos von Gedenkstätten vorstellen?
Das ist natürlich von Gedenkstätte zu Gedenkstätte unterschiedlich. Oft geht es aber um sehr konkrete Inhalte: Zum Beispiel werden Biographien von einzelnen Inhaftierten vorgestellt oder spezielle Orte in den Gedenkstätten gezeigt. Den meisten Videos merkt man an, dass sie auf die Logik von TikTok zugeschnitten sind: Schon in den ersten Sekunden müssen sie Aufmerksamkeit erzeugen, häufig durch emotionale Ansprache. Was meistens fehlt, sind historische Hintergründe. Das ist mir besonders in Bezug auf die Opfer der antikommunistischen Verfolgung aufgefallen, mit denen ich mich in meiner Masterarbeit beschäftigt habe.
Welche Rolle nimmt denn das Gedenken an kommunistische Opfer ein?
Eine sehr kleine. Ich habe im November 2023 die TikTok-Kanäle aller Gedenkstätten untersucht, die zu diesem Zeitpunkt dort präsent waren. Das waren die Gedenkstätten Augustaschacht, Bergen-Belsen, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen, Villa ten Hompel und das Haus der Wannsee-Konferenz. Obwohl die Gedenkstätten alle einen Bezug zur Verfolgung von Kommunist:innen haben, haben sich bis zum Untersuchungszeitpunkt von 512 Videos nur 27 mit diesem Thema beschäftigt. Das sind gerade einmal fünf Prozent!
© Thekla Keuck / Universität Bremen
Wie erklären Sie sich, dass die Verfolgung von Kommunist:innen auf den Kanälen der Gedenkstätten so wenig präsent ist?
Ich denke, das spiegelt zu einem großen Teil die gesamtdeutsche Erinnerungskultur wider – denn auch hier hat das Thema keinen großen Platz. Sicher hat das historische Gründe: In der DDR wurde die Verfolgung und Ermordung von Kommunist:innen stark ideologisch interpretiert. Die Bundesrepublik hingegen wollte sich vom Kommunismus abgrenzen. Bürgerliche oder konservative Widerstandskämpfer:innen wie die Weiße Rose oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg passten hier besser ins Bild. Erschwerend kommt hinzu, dass der Begriff „Kommunist“ im NS-Staat sehr breit und ungenau verwendet wurde. Verfolgt wurden nicht nur Mitglieder der KPD, linke Aktivist:innen und Gewerkschafter:innen. Auch viele Menschen etwa in Polen oder Russland wurden unter deutscher Besatzung pauschal als Bolschewist:innen oder Kommunist:innen verfolgt.
Also kann man den Gedenkstätten keinen Vorwurf machen, dass sie das Thema kaum thematisieren?
So weit würde ich nicht gehen. Es würde aus meiner Sicht nichts dagegen sprechen, einmal in einem Video eine politisch verfolgte Person vorzustellen und historische Hintergründe zu diesem Thema zu liefern. Aber mein Eindruck war, dass sich viele Gedenkstätten auf TikTok erst finden und positionieren müssen. Jede Gedenkstätte muss sich fragen, wie sie ihren Erfolg auf TikTok misst. Inwiefern geht es um hohe Klickzahlen, inwiefern um ausgewogene Beiträge, in denen auch bisher weniger beachtete Personengruppen vorkommen?
Ist TikTok aus Ihrer Sicht überhaupt ein geeignetes Medium für das Gedenken an den Nationalsozialismus?
Ja, auf jeden Fall. Denn in fast allen gesellschaftlichen Bereichen, ob analog oder digital, kommen Menschen mit Geschichte in Berührung – auch auf TikTok. Hier ist es Aufgabe der Gedenkstätten, das Gedenken an den Nationalsozialismus selbst in die Hand zu nehmen, anstatt es anderen zu überlassen, die möglicherweise ideologisch gefärbte oder falsche Informationen verbreiten. Viele Gedenkstätten haben das erst spät erkannt, wie bei anderen neuen Medien auch. Sie sollten aus meiner Sicht eigentlich Vorreiter sein, mit durchdachten Konzepten, wie Erinnerungskultur auf so einer Plattform aussehen kann.