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Die ostdeutsche Wirtschaft als roter Faden

Akademischer Mittelbau im Fokus: Ann Hipp aus der Arbeitsgruppe „Innovations- und Strukturökonomik“

Sich umsehen, herumkommen, Chancen nutzen und Zufälle zulassen – das ist der Karriereweg der Nachwuchsforscherin Ann Hipp. Und trotzdem gibt es einen roten Faden: Das Interesse an den Besonderheiten der ostdeutschen Wirtschaft soll die begeisterte Ökonomin eines Tages zu einer Professur führen.

Chemnitz – Halle – Dresden – Mannheim – Bremen; Deutschland – Finnland – Frankreich – Japan: Ann Hipp ist schon reichlich herumgekommen. Doch hier geht es nicht um Urlaubsreisen, sondern um eine Wissenschaftlerinnen-Karriere als Ökonomin. Bachelor, Master, Promotion, nun Habilitation: Die 33-Jährige aus Schmalzerode – einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt 90 km östlich von Magdeburg – verfolgt einen zielstrebigen Plan. Aber geplant war das, wie so oft im Leben, zunächst natürlich nicht. „Zufallsorte“ nennt sie die Stationen auf ihrem Weg: „Ich habe immer versucht, sich bietende Möglichkeiten zu nutzen und war immer neugierig, wie und woran an anderen Instituten und Universitäten geforscht wird.“

Zurück auf Anfang: Ann Hipp besuchte das Gymnasium in der schönen Lutherstadt Eisleben, der nächstgrößeren Stadt in Heimatnähe. Dort wurden verschiedene Kurse angeboten – unter anderem Sprachen, Wirtschaft, Recht, Politik – „und mich hat Wirtschaft immer sehr interessiert. Ich bin an der Thematik hängen geblieben.“ Sie habe sich schon früh für die Entwicklung von Firmen und Industrien interessiert: „Die Gegend, aus der ich komme, liegt ja in der Mitte Deutschlands und damit eigentlich ideal. Ich habe mich immer gefragt, warum da ökonomisch trotzdem so wenig funktioniert. Und dass es einen markanten Ost-West-Unterschied in der deutschen Wirtschaft gibt, wurde mir auch schnell bewusst.“

Ann Hipp steht vor dem WiWi 2 Gebäude
2019 wechselte Ann Hipp in die Forschungsgruppe „Innovations- und Strukturökonomik“ von Professorin Jutta Günther.
© Matej Meza / Universität Bremen

Um diese Thematik kreisen bis heute das Interesse und die Forschung von Ann Hipp. Sie studierte folgerichtig Wirtschaftswissenschaft an der TU Chemnitz: „Es zog mich irgendwie nach Sachsen. Dort hatte die Wirtschaft ja auch im Sozialismus recht gut funktioniert, besser als in anderen Regionen Ostdeutschlands. Ich wollte wissen, warum das so war.“ Ihr studentisches Pflichtpraktikum absolvierte sie am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle – eine entscheidende Wegmarke, denn dort lernte sie die Ökonomie-Professorin Jutta Günther kennen, in deren Arbeitsgruppe sie mitarbeitete. Die heutige Rektorin der Universität Bremen sollte sie noch wiedertreffen.

Photovoltaik-Industrie als erstes Forschungsthema

Die Bachelor-Arbeit von Ann Hipp war so interessant, dass sie sie sogar 2011 bei der Technology-Transfer-Konferenz in Augsburg vorstellen durfte. „Inhaltlich ging es darum, wie in der Photovoltaik-Industrie Kooperationen zustande kommen.“ Ein Thema, das sie später auch an der TU Dresden wieder aufnahm. Dort schrieb sie ihre Masterarbeit und anschließend ihre Dissertation, und letztere befasste sich wieder mit der Photovoltaik-Industrie: „Diese neue Art der Stromerzeugung war damals ein Hoffnungsträger der ostdeutschen Wirtschaft. Man hat vehement ‚wissenschaftsbasiert‘ nach Anschlusstechnologien gesucht, die an das bestehende Wissen der dort arbeitenden Menschen anknüpfen.“

Obwohl der Markt massiv gefördert wurde, ging die Rechnung nicht auf – die deutschen Solarzellhersteller gingen pleite und verschwanden größtenteils vom Markt. Warum das so kam, erklärte Ann Hipp in ihrer kumulativen Doktorarbeit, die sich aus drei großen Studien zusammensetzte. „Es gab hier viele Innovationen, die auch in Patente mündeten. Aber gleichzeitig entstand eine globale Dynamik in diesem Sektor; durch Wissensabflüsse und standardisierte Produkte konnten Hersteller in anderen Weltregionen bald genauso gut Solarzellen und -panels produzieren – nur günstiger. Das hat dieser industriellen Hoffnung Ostdeutschlands das Genick gebrochen“, schildert die Ökonomin das Dilemma. Dass ihre Forschungsergebnisse aus dieser Arbeit es dann sogar in eine international führende Wissenschaftspublikation schafften, ermutigte Ann Hipp für ihren weiteren Weg.

Bewerbung aus dem australischen Outback geschickt

Zwischendrin machte sie auch schon mal ein Jahr Work & Travel in Australien, denn das Leben besteht ja nicht nur aus Arbeit. „Da habe ich unter anderem drei Monate hinter der Theke in einem abgelegenen Pub in Tasmanien gestanden, das war schon ein Erlebnis.“ Aus Sandstone, damals der einzige Ort weit und breit mit Internetanschluss, schickte sie ihre Bewerbung an die TU Dresden. Dass sie trotz dieser Unterbrechung Karriere als Wissenschaftlerin machen wollte, stand schon fest: „Das wusste ich schon während der Bachelorarbeit“. Weitere Auslandserfahrungen – dann wieder im Zusammenhang mit der Wissenschaft – sammelte sie 2014 in Finnland und Frankreich und 2018 in Japan.

„Ich war immer neugierig, wie und woran an anderen Instituten und Universitäten geforscht wird.“

Die Arbeit am ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, am Lehrstuhl für Marketing und Innovation der Universität Mannheim, dann wieder an der TU in Dresden – Ann Hipp nutzte in der Folge sich bietende Möglichkeiten, um ihren Horizont zu erweitern. 2019 dann der Wechsel nach Bremen in die Forschungsgruppe „Innovations- und Strukturökonomik“ von Professorin Jutta Günther. „Ich hatte den Kontakt zu ihr nie verloren, weil Jutta Günther auch zu ähnlichen Fragen wie ich forscht. Und sie hatte mitbekommen, dass ich meine Promotion gerade abgeschlossen hatte. Als dann das Bundesministerium für Bildung und Forschung das interdisziplinäre und überregionale Forschungsprojekt „Modernisierungsblockaden in Wirtschaft und Wissenschaft der DDR – kurz Mod-Block-DDR – förderte, holte Jutta Günther mich mit ins Team.“

Inhaltlich ein Thema, das Ann Hipp „auf den Leib geschneidert“ war. Denn rund 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung hatte sich das Klischee verfestigt, dass 1990 eine leistungsfähige kapitalistische Ökonomie ein abgewracktes und bankrottes sozialistisches System übernommen hatte. „Das stimmt so nicht. Es gab durchaus Segmente, in denen die DDR ökonomisch erfolgreich war. Auch wissenschaftlich und technologisch verfügte man über international anerkanntes Know-how“, sagt die Nachwuchswissenschaftlerin. Was der DDR zu schaffen machte, waren eben diese „Modernisierungsblockaden“ – eine Partei, die zu stark eingriff, unzureichende Leistungsanreize, dramatisch schlechte Infrastruktur und vieles mehr.

„Ein Fischbrötchen muss immer dabei sein“

Der Schritt nach Bremen war für sie eher groß. Erst lebte Ann Hipp in einer Fünfer-Wohngemeinschaft, dann kam ihr Mann nach, und das Paar bezog ein Haus; schließlich kündigte sich Nachwuchs an, so dass Ann Hipp zwischenzeitlich eine zweite längere „Wissenschafts-Pause“ in ihr Leben integrierte. Zeit nicht nur für Mann und Kind, sondern auch für ihre Hobbies: Musik, Theater, Lesen, Jogging und Yoga – und Ausflüge, gerne ins Blockland oder ans Meer: „Ein Fischbrötchen muss dann immer dabei sein.“

Braunkohletagebau Oberlausitz
Stark und schwach zugleich: Was der DDR zu schaffen machte, waren Modernisierungsblockaden. Hier ein Foto vom Braunkohletagebau in der Oberlausitz.
© Cezanne-Fotografie / AdobeStock

Die Habilitation, mit der sich Ann Hipp nun auf den Weg für das Fernziel „Professur“ gemacht hat, knüpft an bisherige Themen an: „Darin geht es um den Wandel von Innovationssystemen. Welche Rollen spielen die Politik und die Akteure dabei? Wie kommt es auf verschiedenen Ebenen zu Wachstumsentwicklungen?“ Es gebe bislang relativ wenig Forschungsresultate, wie sich diese Systeme über die Zeit entwickeln. Ann Hipp bewarb sich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erfolgreich für ein Netzwerk zum Thema „Die Dynamik von Innovationssystemen“ und bekommt nun drei Jahre lang eine Förderung. „Das ist jetzt der Anker für meine Habilitation“, freut sie sich. „Das ermöglicht mir, mich mit anderen Forschenden auszutauschen, die gemeinsamen Publikationen voran zu bringen und immer wieder neue Impulse für meine Arbeit zu bekommen.“

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