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Erklär mal, Prof: Woher kommt die Kraft der Ukrainer:innen?

Wieso, weshalb, warum? In „Erklär mal, Prof" erklären euch Forschende Hintergründe zum aktuellen Weltgeschehen. Dieses Mal: Dr. Eduard Klein über den unbeugsamen ukrainischen Willen.

Seit Monaten fallen Bomben auf ukrainische Häuser, Kliniken, Fabriken und Kraftwerke. Die Menschen leben in ständiger Angst. Trotzdem scheint ihr Siegeswille ungebrochen. Selbst ein Winter ohne ausreichend Strom, Wasser und Wärme scheint sie nicht ins Wanken zu bringen. Was verleiht den Ukrainer:innen diese Kraft? Dr. Eduard Klein von der Forschungsstelle Osteuropa (FSO) an der Universität Bremen erklärt das ukrainische Durchhaltevermögen.

Wer den ukrainischen Widerstand verstehen will, sollte zunächst zurückschauen. „Es ist klar, worauf Putin mit seinem Ausdruck ‚Brudervolk‘ anspielt: Große Teile der Ukraine und Russland verbindet eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte“, sagt Osteuropaforscher Eduard Klein. Doch dieses Argument hinke, weil es bei genauerer Betrachtung keineswegs für das gesamte Staatsgebiet der Ukraine gelte – Teile im Westen gehörten beispielsweise lange Zeit zu Österreich-Ungarn, andere Gebiete der heutigen Ukraine zählten zum polnisch-litauischen Staat. „Der Anspruch, den Putin aus historischen Gründen auf die gesamte Ukraine erhebt, ist daher nicht gerechtfertigt. Dessen sind sich die Ukrainer:innen sehr bewusst“, erläutert der Wissenschaftler.

„Brüder“ entfernen sich voneinander

Die meisten Ukrainer:innen fühlen sich laut Klein auch emotional nicht mit Russland verbunden. „Als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, stimmten mehr als 90 Prozent der Ukrainer:innen für die Unabhängigkeit. Sie waren sehr stolz, endlich ihren eigenen Staat zu haben“, erklärt Klein. Seither entfernten sich die vermeintlichen „Brüder“ immer weiter voneinander. Das drückt sich in der „Orangen Revolution“ 2004 und dem „Euromaidan“ 2013/2014 aus, in deren Folge die Ukraine die Anbindung an den Westen forciert und eine EU- und NATO-Mitgliedschaft anstrebt. Warum? Klein zählt mehrere Gründe auf: „Nun, die Menschen haben Augen im Kopf. Sie sehen, dass es der Bevölkerung in Europa wirtschaftlich besser geht als in Russland. Außerdem bekommen sie mit, wie es im Donbas, der seit acht Jahren unter russischer Herrschaft steht, zunehmend bergab geht.“ Die Korruption habe dort stark zugenommen, die Wirtschaft darbt, und Menschenrechte und Pressefreiheit werden massiv eingeschränkt.

Gräueltaten von Butscha stärken Kampfgeist

Das brutale Verhalten der russischen Besatzer wecke zudem schmerzhafte Erinnerungen bei vielen Ukrainer:innen. Viele hätten noch die Erzählungen ihrer Großeltern im Kopf: Zur Zarenzeit war die ukrainische Sprache verboten. Anfang der 30er-Jahre ließ Stalin Millionen Ukrainer:innen im „Holodomor“ verhungern, den der Bundestag inzwischen als Völkermord eingestuft hat. All das hat sich laut Klein tief eingebrannt in das kollektive Gedächtnis. Dennoch: „Zu Beginn der Invasion im Februar 2022 waren viele Ukrainer:innen noch zu Verhandlungen bereit“, sagt Klein. Das habe sich allerdings schlagartig geändert, als die Bilder aus Butscha und anderen Orten publik wurden. Die grausamen Verbrechen, die das russische Militär an der Zivilbevölkerung verübt hat, haben allen Ukrainer:innen klar vor Augen geführt, welch repressives Regime auf sie zukommt, sollten die Russen ihren Angriffskrieg gewinnen.

Portraitfoto Dr. Eduard Klein
Dr. Eduard Klein erforscht seit Jahrzehnten die Verhältnisse in Osteuropa, studierte in Russland und hielt sich für Forschungen diverse Male in der Ukraine auf.
© Eduard Klein

FSO als Zufluchtsort

Seit Ausbruch des Krieges hat Klein seine Kontakte in die Ukraine noch einmal intensiviert. Er erforscht seit Jahrzehnten die Verhältnisse in Osteuropa, studierte in Russland und hielt sich für Forschungen diverse Male in der Ukraine auf – unter anderem an der Universität von Charkiw. „Die Vorstellung, dass die Gebäude, in denen ich war, nun zerstört sind und Menschen, denen ich dort begegnet bin, in ständiger Angst leben, ist furchtbar,“ sagt Klein. Vielen Forschenden der FSO geht es ähnlich. „Die russische Invasion hat hier alles auf den Kopf gestellt“, erinnert sich Klein an die belastenden Wochen im Frühjahr. Als Soforthilfe rief die FSO Sonderstipendien ins Leben, um geflüchteten Wissenschaftler:innen aus der Ukraine, aber auch bedrohten Kolleg:innen in Russland und Belarus zu helfen. Mittlerweile sind knapp 20 Personen nach Bremen gekommen, teils mit ihren Familien. Die Mitarbeitenden der FSO halfen beim Ankommen in Bremen, kümmerten sich um Wohnungen und weitere alltägliche Belange. Inzwischen habe sich die Situation beruhigt und auch die Zusammenarbeit mit den „Neuen“ an der FSO laufe gut. Ein Problem gibt es indes: „Wir sind angewiesen auf Gastaufenthalte, Feldforschung, Archivaufenthalte und den Austausch mit den Menschen vor Ort. Durch den russischen Angriffskrieg können wir aktuell weder in die Ukraine noch nach Russland, mit dem die Wissenschaftsbeziehungen auf Eis liegen.“ Das stelle die Arbeit der FSO-Forschenden vor enorme Herausforderungen. „Wir haben bisher noch keine guten Lösungen gefunden, wie wir zukünftig damit umgehen“, sagt der Forscher. Putins Angriffskrieg hat somit das Arbeitsumfeld und den -alltag von Klein und seinen Kolleg:innen stark verändert.

Weitere Informationen:

Webseite der Forschungsstelle Osteuropa

Ukraine-Analysen (gemeinsames Projekt der FSO mit weiteren Forschungseinrichtungen)

Webseite der Universität Bremen mit Hilfsangeboten für vom Krieg in der Ukraine betroffene Studierende und Wissenschaftler:innen

Krieg gegen die Ukraine: So könnt ihr helfen

Aktuell sammeln die Mitarbeitenden der Forschungsstelle Osteuropa Spenden für ihre Projektpartner:innen in Kiew. Sie wollen sie mit Transformatoren, Notstromaggregaten und Internetzugängen unterstützen.

Spenden gehen an den Förderverein unter dem Stichwort: „Ukraine“:

IBAN: DE12 8306 5408 0004 8513 82

BIC: GENODEF1SLR

Deutsche Skatbank

Auf Wunsch wird eine Spendenbescheinigung ausgestellt. Dafür bitte Namen und Adresse an: fsov@uni-bremen.de schicken.

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